Webzine n°57. Dezember 2000
Liebe EUROCIRCLE
- PARTNER,
Die Nachbarn
blicken ziemlich ratlos auf die derzeitige Diskussion in Deutschland. Dort sollen
sich nämlich künftig Ausländer an eine wie auch immer definierte
deutsche "Leitkultur" halten, während Ihnen gleichzeitig einheimische Rechtsradikale
eher eine Art "Leidkultur" angedeihen lassen, der seit der Wende 38
Menschen zum Opfer fielen.
Als "einen sehr deutschen
Streit" empfindet der Pariser Politologe Alfred Grosser die Auseinandersetzung
um den Begriff der "Leitkultur", für den es nicht einmal eine
eindeutige Übersetzung ins Französische gibt. Zum Französisch-Sein
war nie ein "Bluttest" Voraussetzung; die nationale Identität wurde immer
politisch und nicht ethnisch definiert. Zugewanderte gehören als Citoyen
dazu - wenn auch keineswegs überall Integration problemlos gelingt - und
es gilt die Maxime:
ob Rai, Zinedine
oder Couscous – alles, was gefällt und den "Ruhm der Nation" zu mehren
verspricht, ist französisch.
Auch Briten oder
Niederländer, ebenso geprägt vom kolonialen Erbe, wissen ohne offizielles
Posaunen, was urbritisch oder genuin holländisch ist, und können ohne
Komplexe, nationale Verlustängste und ähnliche Traumata mit ihren
eher multikulturellen Ansätzen leben. Trennscharfe nationale "Leitkulturen"
jedenfalls sind out im Europa des 21. Jahrhundert, nicht mehr en vogue; und
das Glück, Deutscher zu sein, könnte nach der friedlichen Revolution
von 1989 endlich darin bestehen, sich von einer Identität zu verabschieden,
die stets nur im Abschotten gegen andere gewonnen wird. Man könnte also
gemeinsam mit Cohn-Bendit Leitkultur als "etwas, das sich ständig verändert,
auch mit dem Beitrag der Einwanderer" neu definieren.
Die Nationen werden
sich trotzdem nicht auflösen, sondern Brücke zur zweiten, europäischen
Identität, in der die verschiedenen politischen, sozialen und kulturellen
Interessen bewahrt werden müssen: so mag auch weiterhin ein Bayer auf sein
(lokales) Münchner Hofbrauhaus stolz sein; sein regionales Brauchtum pflegen,
indem er beispielsweise jodelt; über seine deutsche Staatsangehörigkeit
froh sein und sich darüber hinaus auch noch ein europäisches Selbstbewußtsein
zulegen.
Aber er sollte tunlichst
davon Abstand nehmen, andere Menschen, seien es deutsche oder nichtdeutsche,
die in und mit einer von diesem Leitbild divergierenden "Kultur" in
Deutschland leben möchte, kulturell leiten zu wollen.
PS: In Brüssel
hört sich die Debatte über Deutschland als Einwanderungsland ziemlich
weltfremd an, da Zuwanderung, Asyl und Visapolitik seit Mai 1999 sowieso schon
in die Zuständigkeit der EU fällt, die sich längst als Zuwanderungsgebiet
definiert hat.
In diesem Sinne wünscht
Ihnen allen, liebe EUROCIRCLE-Partner, ein ruhiges und friedliches Weihnachtsfest,
ein erfolgreiches Neues Jahr und viel Spaß bei der Urlaubslektüre
dieser 12seitigen Weihnachtssondernummer Ihrer EC-News,
Ihre EUROCIRCLE –Redaktion