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Webzine n°52. Juli/August 2000

Liebe EUROCIRCLE - PARTNER,

"Der Tag wird kommen, an dem du, Frankreich, du, Rußland, du, England und du, Deutschland, all ihr Nationen dieses Erdteils, zu einer höheren Einheit verschmelzen werdet, ohne eure verschiedenen Vorzüge und eure ruhmreiche Einzigartigkeit einzubüßen, und ihr werdet eine europäische Bruderschaft bilden, genauso wie die Bretagne, Burgund, Lothringen und das Elsaß in Frankreich aufgegangen sind..."

schrieb, lieber Herr Chevènnnement, ein Vordenker und geistiger Wegbereiter des derzeitigen bundesdeutschen Außenministers Joschka Fischer vor genau 150 Jahren in seinen „12 Abhandlungen" (Douze discours), ein Herr namens Victor Hugo.
Um es jetzt (da nunmehr die 3. Nachkriegsgeneretion das Licht der Welt erblickt) noch einmal und zwar abschließend anzumerken: Es ist vielleicht nicht schlecht - insbesondere schon gar nicht unter gesamteuropäischen Gesichtspunkten im Angesicht der nachhaltig nachwirkenden Geschichte des letzten Jahrhunderts - daß „Die Deutschen" immer noch ein Problem mit dem Begriff der Nation zu haben scheinen. Der Prozeß einer Identitätsbildung und –findung im positiven, humanistischen, demokratischen, toleranten und solidarischen Sinn muß nicht per se national determiniert sein, und ob er es unbedingt sollte, mag dahingestellt bleiben.
Daß jedenfalls hier und heute viele Deutsche ihren Verstand und ihre Energien dazu gebrauchen, Ideen, Visionen und Strategien zu entwickeln, die zur europäischen Einigung beitragen könnten, anstatt sich auf ihre eigene Nation zu besinnen, (um anschließend hinreichend Gründe angetroffen zu haben, die es rechtfertigen, über andere Nationen herzufallen) findet die EC-Redaktion nicht besonders schlimm. Denn auch wenn wir es für übertrieben halten, angesichts der derzeitigen Probleme in der EU (anhaltenden Euro-Schwäche, nicht vorankommende Steuer-Harmonisierungsbestrebungen, Uneinigkeit der Fünfzehn Regierungen in den wichtigsten Fragen der Funktionsfähigkeit der Institutionen und der Ost-Erweiterung) von einer Krise zu sprechen, so war doch das informelle und als „Regierungsseminar" bezeichnete Treffen zwischen dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder, Staatspräsident Jacques Chirac und Premierminister Lionel Jospin im Beisein ihrer Außenminister Joschka Fischer und Hubert Védrine, Grund und Anlaß, die verunsicherten Europäer wieder Hoffnung schöpfen zu lassen.
Auch wenn die Vorschläge Joschka Fischers für ein föderales Europa in Paris nur ein geteiltes Echo hervorriefen (Chiracs Anmerkungen zum Fischer-Plan wurden von deutscher Seite als durchaus positiv, Jospins Reaktionen als eher reserviert empfunden), ist es einerseits ermutigend, in eine Debatte über ein Thema eingestiegen zu sein, das in Frankreich bisher quasi tabu war (Le Monde warnte ausdrücklich davor, einer Diskussion der Fischer Vorschläge ausweichen zu wollen), andererseits haben Fischers Überlegungen die Debatte zur Weiterentwicklung der EU neu entfacht: