Webzine n°61. April 2001
Liebe
EUROCIRCLE - PARTNER,
am 27. Februar verstarb
nach schwerer Krankheit Jean Coignet, Präsident des Vereins EUROCIRCLE.
Wir trauern um einen Freund, der uns sein Vertrauen geschenkt hat und uns immer
mit Rat und Tat zur Seite stand. Jean Coignets Andenken und weltweites Schaffen
als Architekt und Stadtplaner wurde in "Le Monde" gewürdigt.
Danke, Jean, für Deine Freundschaft, Solidarität und konstruktive
Kritik, mit der Du uns begleitet hast.
Es fällt schwer, zur Tagesordnung überzugehen, die für die Staats-
und Parteichefs unter dem Zeichen des 1. EU-Gipfels unter schwedischer Präsidentschaft
stand.
Zu
größerer Gelassenheit hatten die Staats- und Regierungschefs der
Europäischen Union in Stockholm bei der Beurteilung der ökonomischen
Lage aufgerufen. Trotz der konjunkturellen Abkühlung in Japan und den USA
schätzen sie die Situation in der EU nach wie vor als robust ein. Eine
ausgewogene Wirtschaftspolitik und eine entschlossene Umsetzung von Reformen
dürften es ermöglichen, "weiter ein durchschnittliches Wachstum von
rund drei Prozent zu erzielen", heißt es in der Abschlusserklärung
des Gipfels. Die Wirtschaftsdaten in der EU seien "weiter solide" und die Zinsen
niedrig, auch die Preisstabilität sei gewahrt.
Die ökonomische Leistungsfähigkeit
der EU habe sich in den vorigen Jahren deutlich erhöht. In der vorigen
Periode habe das Wachstum 3,5 Prozent betragen und rund 2,5 Millionen Arbeitsplätze
seien geschaffen worden. Die Erwerbslosenquote sei auf den niedrigsten Stand
seit 1991 gesunken. Dies zeige, dass der Reformkurs in der Europäischen
Union Früchte trage.
Das klingt zwar alles recht
erfreulich; allerdings hat der Gipfel unserer Auffassung nach die selbst gesteckten
Ziele nicht erreicht:
- das als "Wachstums- und Beschäftigungsgipfel" gedachte Sondertreffen
hat im Schatten von Balkankrise, BSE und MKS gestanden.
- die EU schiebt die weitere
Öffnung ihrer Energiemärkte auf die lange Bank. Auf Druck Frankreichs
haben die EU-Staats- und Regierungschefs zum Auftakt ihres Gipfeltreffens in
Stockholm darauf verzichtet, die vollständige Liberalisierung der Gas-
und Strombranche mit festen Terminen zu verknüpfen.
- abgelehnt wurden in Stockholm
gleichzeitig weitere Bemühungen, auch bei der Briefpost zusätzliche
Schritte in Richtung einer Marktöffnung einzuleiten. Beim Transport und
der Zustellung von Briefen ist in der Europäischen Union zurzeit gerade
einmal ein Anteil von drei Prozent des Gesamtmarktes liberalisiert.
Entsprechend scharf fiel die
Kritik von Binnenmarkt-Kommissar Frits Bolkestein an den jüngsten Bremsmanövern
aus:
Die Staats-
und Regierungschefs ergingen sich "in schönen Worten", denen jedoch "keine
Taten" folgten.
Es verbleibt mit herzlichen
Grüssen - wenn auch keineswegs begeistert ob der Leistungen unserer Gipfelstürmer
EUROCIRCLE-Kommentar
Paradigmenwechsel in
der Europapolitik
Sinn, Ziel
und Zweck der heutigen Europapolitik ist, so läßt sich aller Unkenrufe
der Zauderer zum Trotz konstatieren, die immer tiefer gehende Integration der
EU-Völker.
Diese hat sich in den letzten 10 Jahren in einem atemberaubenden Tempo vollzogen
und muß sich jetzt unter noch zu definierenden Paradigmen neu zu differenzieren
beginnen:
Da sich sowohl die Mitgliedstaaten als auch die Beitrittskandidaten zeitlich
in verschiedenem Marschtempo bewegen und inhaltlich unterschiedliche Finalitäten
anstreben, werden im Nach-Nizzaprozeß einzelne Gruppen von Staaten - Pioniere,
Avantgarde oder auch Gravitationszentrum genannt - weiter und schneller voranschreiten
als der Rest.
Die
Zielrichtung muss heissen: von der Menschenrechts-Charta zur EU-Verfassung und
vom „Vereinigten Europa der Staaten" zu den (föderalen und nicht zentralistischen)
„Vereinigte Staaten von Europa"
Joschka
Fischer warf im Mai vorigen Jahres ein Steinchen ins Wasser, das mächtige
Wellen schlug, indem er eine europäische Verfassungsdebatte initiierte
und viele bedeutende Staatsmänner - nicht zuletzt Jacques Chirac - fanden
Gefallen an diesem Vorstoß, äußerten sich in ähnlichem
Sinn. Und man braucht kein Prophet zu sein, um folgende Vision vor Augen zu
haben:
Aus der in Nizza
verabschiedeten Europäischen Grundrechtscharta wird sich nach und nach
ein europäisches Grundgesetz entwickeln, in dem die Union, die Mitgliedstaaten
und die Regionen ihre Kompetenzen gegeneinander abgrenzen, ihre Mitwirkungsrechte
definieren, der Brüsseler Kommission Schranken setzen, ohne sie als Impulsgeber
zu lähmen, und dem Parlament größeren Einfluß einräumen.
Das Nahziel wird dabei das Vereinigte Europa der Staaten sein, das Fernziel
jedoch heißt Vereinigte Staaten von Europa. Nicht, daß bei diesem
Prozeß die europäischen Nationen verschwinden werden oder sollten,
allerdings werden sie künftig ihr Wohlergehen, ihr Gedeihen, ihr Überleben
nur dann sichern können, wenn sie sich als Bausteine der größeren
europäischen Einheit verstehen werden !