Webzine n°58. Januar 2001
Liebe
EUROCIRCLE - PARTNER,
In der
Hoffnung, daß Sie geruhsame Feiertage genossen haben, wollen wir ohne
lange Vorrede gleich mit den guten Vorsätzen für 2001 beginnen:Europa
lebendig und kreativ mitzugestalten und dem Bürger näherzubringen,
sind bedeutende Anliegen von EUROCIRCLE. Nicht zuletzt deshalb finden Sie pünktlich
zum Neuen Jahr Ihre ,alten" NEWS in neuer Aufmachung, versehen mit einem
größeren redaktionellen Teil, einem Info-flash System und einem neuen
und ausführlicherem Antragskalender.
Künftig werden wir uns ebenfalls stärker mit den politischen
Entwicklungen im Parlament, im Rat und in der Kommission befassen und unsere
Standpunkte darlegen. Beachten Sie bitte in diesem Zusammenhang auch den EUROCIRCLE-Kommentar
auf Seite 2, der Ablauf und Auswirkungen des Europäischen Gipfels von Nizza
behandelt.
Darüber hinaus werden wir künftig bekannte Europäische Persönlichkeiten,
wie Journalisten, Kommissionsbeamte oder Politiker um Beiträge zu aktuellen
Themen bitten. Wir freuen uns, für die Januar-Ausgabe Daniel Cohn-Bendit
mit seinem Beitrag,Wir werden die Welt verbessern" gewonnen zu haben,
den wir in diesen News (erstmalig in französischer Sprache) veröffentlichen.
Cohn-Bendit geht darin unter anderem auf die Notwendigkeit ein, für
die Union eine gemeinsame europäische Verfassung zu gestalten. Die in Nizza
feierlich unterzeichnete Charta der Grundrechte besitzt zwar noch keine rechtliche
Verbindlichkeit; jedoch misst ihr auch EUROCIRCLE große Bedeutung bei.
Die Grundrechte sind Ausdruck der Identität der Europäischen Union,
und die Ausarbeitung einer solchen Charta bedeutet auch die Anerkennung der
politischen Natur der Union. Ein Grundrechtekatalog stellt jedoch vor allem
aufgrund seines Zusammenhangs mit der europäischen Staatsbürgerschaft
eine zusätzliche Garantie für die Bürger unserer Länder
dar. Hoffen wir gemeinsam, daß wir im Jahr 1 des neuen Milleniums auf
dem Weg von der ,Charta der Grundrechte" zu einer europäischen Verfassung
vorankommen ! Herzlichst
ACHTUNG ! Das letzte Gerücht -kurz vor Weihnachten auf den Gabentisch gelegt-
besagt, daß die nächste Ausschreibung des AP Kultur 2000 im Januar
im Amtsblatt erscheinen wird. Die Deadline wird voraussichtlich am 15. März
2001 sein.
Der EUROCIRCLE
Kommentar
EU-Gipfel
in Nizza
"Ich gehe
davon aus, daß wir uns hier auf einem nicht allzu hoch angesiedelten Ambitionslevel
einigen werden und es dann nach dem klassischen Muster zum Erfolg erklären
werden", prophezeite Luxemburgs europaerfahrener Ministerpräsident Jean-Claude
Juncker bereits im Gipfel-Vorfeld und tatsächlich war die Kompromißbereitschaft
in Nizza so erschreckend gering, daß wieder einmal zu konstatieren ist:
die Europäische Union ist immer noch nicht mehr, als die Summe der Interessen
ihrer Mitglieder. Von europäischem Grundsatzchartagetöse bis zur Verteidigung
nationaler Schoßhündchen-Interessen war es nicht weit. Da ist die
Frage legitim, ob eine Europäische Union überhaupt noch politisch
Ernst zu nehmen ist, wenn sie sich permanent vor ihren heimischen Lobbys duckt
und weder bei der Handwerksordnung (Veto: Deutschland) noch der Filmindustrie
(Veto: Frankreich) zu Mehrheitsentscheidungen überzugehen wagt.
Worum
geht es EIGENTLICH bei dem häßlichen Mißtrauen eines allenthalben
wiedererwachendem politischen Egoismus, der sicherlich nicht zufällig anläßlich
des Themas Osterweiterung auftauchte ?
Es geht
um nicht mehr oder weniger als um die Gewichtung Deutschlands in Europas Machtbalance,
die mit der EU-Osterweiterung erheblich steigt, denn der geographische und politische
Mittelpunkt der Union wird künftig nicht mehr in Paris, sondern in Berlin
liegen.
Es ist nicht nur
Eitelkeit sondern vor allem die aus diesem Schreckgespenst resultierende Phobie,
die die Herren Chirac und Jospin die Aufnahmeambitionen osteuropäischen
Staaten geradezu sabotieren ließ, um Berliner Größenwahn und
deutsche Raffgier im Keim zu ersticken. Allerdings: Deutschland zu domestizieren
ist nicht allein das Anliegen Frankreichs; auch Spanien und Großbritannien,
alter Größe eingedenk, sowie diverse kleine Länder, mehrfach
Opfer deutscher Aggression, weisen ähnliche Interessen auf.
Dieses hat Berlin
im Hinblick auf die eigene Geschichte zwar zu respektieren, allerdings nach
über 55 Jahren Frieden, Kooperation und Stabilität jetzt bitteschön
ohne kohlsches Duckmäusertum und im Rahmen demokratischer Spielregeln (die
allerdings angesichts der seltsamen Stimmenarithmetik im Ministerrat nicht immer
leicht zu begreifen sind)
Daß Deutschland
entsprechend seiner Einwohnerzahl in den gemeinsamen Topf einzahlt, in der politischen
Verantwortung allerdings weiterhin als Leichtgewicht eingestuft wird, kann auf
Dauer gesehen den Mitbürgern nicht logisch erklärt werden; ein Faktum,
das auch Paris demnächst einmal zur Kenntnis nehmen sollte.
Fazit: Ratspräsidenten
Chirac bestätigt Ex-Ratspräsident Juncker, wenn er Nizza nicht nur
zu einem Erfolg, sondern zu einem großen Gipfel, der in die europäische
Geschichte eingehen" wird, erklärt.
EUROCIRCLE schlußfolgert
leicht divergent: der Riesendampfer Europa scheint bereit zu seiner Vergrößerung,
auch wenn er sich gerade als manövrierunfähig erwiesen hat und vorübergehend
aufgelaufen ist. Mit Hilfe einer Art europäischer Verfassung und einer
Klärung der Zuständigkeitsverteilung zwischen Union und Mitgliedsstaaten
könnte vielleicht ein geschickterer Lotse den Kahn wieder flott bekommen.