Webzine n°63. Juni 2001
Liebe
EUROCIRCLE - PARTNER,
Neben
vielen anderen und wichtigen Themen beschäftigt sowohl Europa als auch
Ihre EC-Redaktion in den letzten Maitagen der EU-Gipfel in Göteborg.....
"Wir erwarten nicht, daß
wir in Göteborg die Welt verändern werden." EU-Kommissionspräsident
Romano Prodi sah sich am Ende seines Vortrags vor dem Plenum des Straßburger
EU-Parlamentes bemüßigt, all die Ausführungen zu relativieren.
Denn die Perspektiven, die er gerade bei der Darlegung des Strategiepapiers
der Kommission für nachhaltiges Wachstum gezeichnet hatte, mußten
ihm selbst beim Verlesen fast zu optimistisch erschienen sein. Tatsächlich
wagte Prodi ein paar kühn erscheinende Vorschläge: Obwohl derzeit
nichts darauf hindeutet, daß in der EU die Kyoto-Ziele zur Verminderung
der Treibhausgase erreicht werden, fixiert die Kommission bereits das Ziel,
nach 2010 jährlich gar noch um ein Prozent über die Kyoto-Verpflichtungen
hinauszugehen.
Obwohl Energiesteuern
EU-weit noch die Ausnahme sind, spricht Prodi bereits von einer "automatischen
Indexierung der Energiebesteuerung an das nominale Einkommenswachstum". Trotz
exponentieller Zuwachsraten des Straßentransports hofft er schon auf ein
Einfrieren des Marktanteils des Straßentransports auf den Stand von 1998
als Ziel für 2010. Prodi fordert abschließend von allen Beteiligten
ein "starkes politisches Leadership", denn: gerade die wichtigsten und ehrgeizigsten
Vorschläge, um Kindern und Kindeskindern die Lebensgrundlagen zu erhalten,
sind auch die politisch umstrittensten.
.....
und die europäischen Reaktionen auf das Wahlergebnis in Italien:
Die Tatsache, daß der
reichste Mann Italiens ist nun dort auch der politisch mächtigste ist,
wurde in Europa recht gelassen zur Kenntnis genommen: Die Europäische Kommission
gratulierte Berlusconi, der bereits 1994 sieben Monate lang Regierungschef Italiens
gewesen war und nun mit seinem rechts gerichteten Wahlbündnis "Haus der
Freiheiten" 368 der 630 Mandate im Abgeordnetenhaus erzielt hat, zu seinem Wahlsieg.
Präsident Romano Prodi schrieb, er sei überzeugt, daß die Zusammenarbeit
bei den gemeinsamen europäischen Aufgaben fortgesetzt werde und will die
Regierung "an ihren Taten messen".
Die Mehrheit
der EU-Staaten schließt sich Prodis gemäßigter Haltung an.
Aus allen Hauptstädten tönt die Versicherung, daß man keinesfalls
Sanktionen gegen Italien verhängen würde. Es scheint, als müsse
man allzu große Aufgeregtheit verhindern, um nicht die gleichen Fehler
wie mit Österreich nach der Regierungsbeteiligung der rechtskonservativen
FPÖ im vergangenen Jahr zu machen. Damals hatten die EU-Sanktionen gegen
Österreich nicht die erhoffte Wirkung gezeigt und waren letztlich relativ
kleinlaut wieder aufgehoben worden.
Die schwedische Außenministerin
und EU-Ratspräsidentin Anna Lindh fühlte sich zwar "nicht in der Stimmung",
zu gratulieren, vermied es aber gleichzeitig, Besorgnis auszudrücken, bevor
die neue Regierung gebildet sei. Bundeskanzler Gerhard Schröder teilte
vorsichtig mit, die Bundesregierung respektiere die Entscheidung des italienischen
Volkes.
Frankreichs Außenminister
Hubert Védrine kündigte an, sein Land werde die neue italienische
Regierung aufmerksam beobachten, besteht aber nicht - anders als im Falle Österreichs
- auf Sanktionen gegen Italien.
Auch wir
verbleiben beobachtend bis zur Sommerausgabe und mit den besten Wünschen
EUROCIRCLE-Kommentar:
Schröders EU-Visionen und seine Folgen
Europa
lernt mühsam, sich darüber zu verständigen, was es werden will.
So oder ähnlich könnte man den Berliner Parteitag der Europäischen
Sozialisten resümieren, der eigentlich richtig spannend hätte werden
können. Gerhard Schröder hatte mit seinen Vorschlägen zur Demokratisierung
der EU-Institutionen eine Steilvorlage geliefert: „die Transparenz der Entscheidungswege
müsse durch Ausbau der Kommission zu einer starken europäischen Exekutive,
durch die weitere Stärkung der Rechte des Europäischen Parlaments
mittels Ausweitung der Mitentscheidung und volle Budgethoheit sowie durch den
Ausbau des Rates zu einer europäischen Staatenkammer gestärkt werden".
Doch nach dem ersten gemischten Echo der Nachbarn (zu dem Schröder gespöttelt
haben soll: Europa als Föderation, das predigen die Sozialdemokraten doch
seit 1925) blieb eine wirkliche Debatte über die Zukunft Europas aus sozialistischer/sozialdemokratischer
Sicht aus und Frankreichs Premier Lionel Jospin konstatierte lakonisch: Die
SPD habe nun eben in Deutschland eine Debatte eröffnet, so what !
Frankreich kann den EU-Reformideen des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder
wenig Positives abgewinnen. "Wir sind in den Details nicht einer Meinung", sagte
Präsident Jacques Chirac nach informellen deutsch-französischen Gipfelberatungen
in Paris.
Schröders Vorstoß sieht den Ausbau der EU-Kommission zu einer starken
Exekutive sowie eine Stärkung des Europaparlaments und ein Zweikammernsystem
vor. Der französische Außenminister Hubert Védrine bekräftigte,
daß Frankreich den Ausbau der Kommission und die Herabstufung des Ministerrats
ablehne.
Die Überlegungen der französischen Sozialisten machte dafür der
Parteivorsitzende François Hollande deutlich. Er sprach sich für
eine Verfassung der EU aus, wichtiger war ihm jedoch etwa ganz anderes: Vor
allem nach der Einführung des Euro im nächsten Jahr müßte
die EU endlich eine "Wirtschaftsregierung" erhalten. Angesichts der Politik
des neuen US-Präsidenten müßte auch die eigene europäische
Verteidigungspolitik gestärkt werden.
Auch der Präsident der EU-Kommission, Romano Prodi, hat sich kritisch zum
"Projekt Schröder" geäußert. In einem Interview mit dem deutschen
Nachrichtenmagazin "Spiegel" begrüßte Prodi zwar einen Ausbau der
Kommission, kritisiert aber die Pläne zur Umwandlung des Ministerrats in
eine Staatenkammer. Die von Schröder angeregte Renationalisierung der Agrarpolitik
bezeichnete Prodi als nicht akzeptabel, da sie den Binnenmarkt zerstören
würde. Der Kommissionspräsident bescheinigte Schröder, daß
er kein "deutsches Europa" anstrebe, sondern ein "europäisches Deutschland".
Ganz im Gegensatz dazu: In Großbritannien sorgten die Äußerungen
eines konservativen Abgeordneten zu Schröders EU-Plänen für Aufregung.
Tory-Hinterbänkler Peter Tapsell verglich den SPD-Vorstoß mit der
"Europa-Vision von Adolf Hitler". Schröders Reformideen würden in
Großbritannien ein "Explosion der Wut" auslösen.
"Es mag sein, daß wir Hitlers ,Mein Kampf' nicht rechtzeitig studiert
haben, aber, um alles in der Welt, es gibt keine Entschuldigung für uns,
nicht jetzt den Schröder-Plan zu studieren", sagte der 71jährige Geschäftsmann
bei einer Wahlveranstaltung. Tapsells Position soll von 70 Tory-Abgeordneten
unterstützt werden. Die Führung der Konservativen distanzierte sich
von den anti-deutschen Äußerungen.
Die britische "Sunday Times" schrieb indessen auch den französischen Sozialisten
radikale EU-Ideen zu. Die Zeitung bezog sich dabei auf ein internes Papier,
wonach das EU-Parlament Steuerhoheit erhalten solle. Weitere Forderungen in
dem Papier beziehen sich auf mehr Kompetenzen für die EU-Eingreiftruppe
("weltweite Interventionen"), eine einheitliche Migrationspolitik und die Direktwahl
des EU-Kommissionspräsidenten.
Allerdings in puncto EU-Erweiterung betätigen sich die beiden Radikalinskis
eher als Bremser: sicherlich hat man sich bereits auf eine gemeinsame Position
zur EU-Erweiterung beim EU-Gipfel in Göteborg Mitte Juni geeinigt und wird
die Festlegung konkreter Aufnahmedaten für die Beitrittskandidaten, die
die schwedische Ratspräsidentschaft fordert, ablehnen.
So trifft
die Kritik des sozialdemokratischen Erweiterungskommissars Günter Verheugen
auf dem Berliner Parteitag ins Schwarze, als er einerseits forderte, bereits
beim EU-Gipfel in Göteborg Mitte Juni einen festen Zeitplan für den
Beitritt aufzustellen und die Brüssel Befürchtungen andeutete, daß
die Erweiterung nun, wo sie in ihre entscheidende Phase kommt, verzögert
werden soll.
Zu seinen sozialistischen Parteifreunden und Chefvisionären gewandt, schlussfolgerte
er dagegen: "Das, was auf Kongressen wie diesem zur EU-Erweiterung gesagt wird,
und das, was die Regierungen dann bei den Verhandlungen vertreten, klafft oft
weit auseinander."