Webzine n°64. Juli/august 2001
Liebe
EUROCIRCLE - PARTNER,
Die Schlußerklärung
des Gipfeltreffens von Göteborg trägt die Handschrift der schwedischen
Ratspräsidentschaft mit einer Deutlichkeit, die kaum jemand erwartet hatte.
Denn von nun an hat das europäische Einheitswerk eine klare ökologische
Dimension, die die dominierende wirtschaftliche und die eher unterschätzte
soziale Ausrichtung der EU ergänzt.
Damit ist festzuhalten, daß sich die Union in dieser Deutlichkeit erstmals
zum Prinzip der Nachhaltigkeit bekennt, zu der Regel, daß bei allen wirtschaftlichen
und politischen Entscheidungen überprüft werden soll, welche Auswirkungen
sie auf die Umwelt haben. Ein guter Vorsatz, der nicht gerade neu ist, dessen
Realisierung bisher aber im alltäglichen Konkurrenzkampf der Verkehrsträger
mißachtet wurde.
Die vom US-Präsidenten Bush während seiner Europa-Reise bekräftigten
amerikanischen Vorbehalte gegen das Klimaschutzabkommen von Kyoto haben die
Europäer nicht im mindesten beeindruckt. Im Gegenteil: Sie wollen sich
an die vereinbarte Verminderung schädlicher Abgase halten und auf dem Weg
der Diplomatie dafür sorgen, daß auch andere wichtige Industriestaaten
wie Japan und Kanada die Abmachungen von 1997 respektieren. Bei der bevorstehenden
Umweltkonferenz in Bonn werden die Amerikaner damit isoliert sein.
Die Einhaltung der gehobenen europäischen Umweltregeln ist wegen der damit
verbundenen Kosten ein Problem auch bei den Beitrittsverhandlungen mit den Osteuropäern.
In Göteborg wurde das allerdings weniger heftig diskutiert als die Frage,
wann diesen Kandidaten die Tore zur EU geöffnet werden sollten. Die Union
selbst verspricht, bis Ende nächsten Jahres ¸¸aufnahmebereit'' zu sein
- ob aber ihre Nachbarn bis dahin das EU-Regelwerk übernommen haben und
bis 2004 beitreten können, wagt immer noch niemand vorauszusagen. In einigen
Fällen mag es gelingen, in anderen nicht. Die EU hat nun diesen Termin
vereinbart: als ¸¸Zielvorstellung'', wie Bundeskanzler Schröder einschränkend
feststellt, und wohl auch aus psychologischen Gründen, um die wegen des
langen Anpassungsprozesses schrumpfende Europa-Begeisterung der Polen, Tschechen
und Ungarn nicht weiter zu dämpfen. Lesen Sie bitte diesbezüglich
auch den EUROCIRCLE-Kommentar zum Göteborger Gipfel auf Seite 2 !
Wir dagegen
versuchen – auch wenn es nicht immer leicht fällt - mit ungedämpfter
Europa Begeisterung in die Sommerpause zu gehen und wünschen Ihnen allen
einen erholsamen Sommerurlaub !
EUROCIRCLE-Kommentar:
EU-Gipfel
in Göteborg
Die Europäische
Union will die am besten vorbereiteten Kandidatenländer bereits Anfang
des Jahres 2004 aufnehmen. Bei ihrem Gipfeltreffen in Göteborg gaben die
Regierungschefs das Ziel vor, die ersten neuen Länder sollten als EU-Mitglieder
an der Europa-Wahl im Juni 2004 teilnehmen, allerdings unter der Voraussetzung,
daß die Beitrittsverhandlungen Ende des nächsten Jahres abgeschlossen
werden können.
Auf den ersten Blick kam die Entscheidung in dieser Deutlichkeit überraschend:
Am ersten Tag des Gipfels hatten sich Deutschland und Frankreich noch nachdrücklich
gegen die Festlegung auf Jahreszahlen gewandt. Unter dem Druck der schwedischen
EU-Präsidentschaft und der übrigen Mitgliedsstaaten gab dann erst
Präsident Jacques Chirac nach, bevor am Ende auch Bundeskanzler Gerhard
Schröder einlenkte.
Insgeheim dürften viele EU-Politiker nichts gegen eine Verzögerung
der Erweiterung einzuwenden haben. Öffentlich mag jedoch - nach dem mißglückten
Referendum in Irland - niemand als Bremser dastehen. Dies erklärt, warum
sich am Ende alle Regierungschefs beim Gipfel in Göteborg bereit erklärten,
einen festen Beitrittstermin zu nennen. Ende 2002 sollen die Verhandlungen mit
den besten Kandidaten abgeschlossen sein, Anfang 2004 sollen diese aufgenommen
werden. Eine folgenschwere Aussage - auch wenn die Regierungschefs sie in einige
Wenns und Abers einhüllten.
Die Göteborger Erklärung baut doppelten Druck auf. Zuerst nehmen sich
die EU-Länder selbst in die Pflicht. Denn erste Voraussetzung für
Fortschritte bei den Verhandlungen ist, dass sich die 15 Mitglieder von heute
rechtzeitig auf ihre Verhandlungspositionen einigen. Wie schwierig das sein
kann, hat der deutsch-spanische Streit um die Freizügigkeit für Arbeitnehmer
gezeigt. In den nächsten zwölf Monaten muss eine Abstimmung bei immer
komplizierteren Kapiteln wie der Agrarpolitik oder den Finanzfragen gelingen.
Nach Göteborg können sich die Regierungen nicht mehr leisten, hier
zu versagen.
Viel größer ist der Druck auf die Kandidaten, und zwar besonders
auf die, die in den Verhandlungen hinterherhinken, womit vor allem Polen gemeint
ist. Die Festlegung auf das frühe Datum ist ein deutliches Signal der EU-Länder,
dass sie sich eine erste Erweiterungsrunde auch ohne Polen vorstellen können.
Bei genauerer Hinsicht enthält die Abschlusserklärung des Göteborg-
Gipfels zum Thema Erweiterung jedoch nicht viel Neues. Sie geht kaum über
das hinaus, was die EU-Staats- und Regierungschefs bereits im Dezember in Nizza
beschlossen hatten. Nur der mögliche Abschluss der Verhandlungen wird stärker
betont. Die EU geht damit keinerlei Verpflichtungen ein.
Vor allem die deutsche EU-Politik steckt in einem Dilemma. Aus gutem Grund hat
sich Deutschland stets als Anwalt der EU-Erweiterung verstanden, nicht nur wegen
der historischen Verpflichtung gegenüber dem ehemaligen Ostblock, sondern
weil sich an einen vergrößerten Binnenmarkt mit bald fast 500 Millionen
Konsumenten auch wirtschaftliche Interessen knüpfen.
Doch die Bedenken, die Bundeskanzler Gerhard Schröder in Göteborg
gegen eine allzu verbindliche Terminzusage für die Beitrittskandidaten
vortrug, sind auch ein Reflex auf die ungelösten inneren Probleme der EU.
Es geht dabei um die Fragen der künftigen politischen Struktur Europas
einschließlich der Kompetenzabgrenzung zwischen Brüssel und den Mitgliedstaaten,
vor allem aber um die Finanzierung einer Gemeinschaft, in der künftig sehr
viel ärmere Staaten vertreten sein werden.
Mitte nächsten Jahres steht eine Überprüfung der „Agenda 2000"
an. Der Finanzrahmen der EU für den Zeitraum 2000 bis 2006 ist kaum noch
haltbar. Die Erweiterung wird teurer als geplant. Aber auch der finanzielle
Interessenausgleich zwischen den alten Mitgliedstaaten steht zur Disposition.
Spanien ist zwar mit seinem Erpressungsmanöver gescheitert, die Frage der
Freizügigkeit für osteuropäische Arbeitnehmer mit der Forderung
nach Fortzahlung von EU-Subventionen zu verbinden. Doch der Madrider Vorstoß
dürfte nur der Auftakt zu einem harten Verteilungskampf gewesen sein.
Frankreich sperrt sich gegen die deutsche Forderung nach einer grundlegenden
Agrar-Reform. Die französischen Landwirte zählen zu den Hauptempfängern
von EU-Subventionen. Um das ohnehin angespannte deutsch- französische Verhältnis
nicht weiter zu belasten, wird in Berlin jetzt diplomatisches Geschick erforderlich
sein. Zugeständnisse aus Paris bei der Agrar-Reform dürften erst nach
den französischen Wahlen im Frühjahr nächsten Jahres zu erreichen
sein. Um dann die Agenda2000 neu zu verhandeln, braucht die EU weitere Zeit.
So bitter die Folgen für die Beitrittskandidaten sein mögen: Sie werden
sich so lange gedulden müssen, bis die Gemeinschaft ihre Finanzfragen geregelt
hat. Alles andere ist pures Wunschdenken.