Webzine n°68. November 2001
Liebe
EUROCIRCLE - PARTNER,
Der Terror und die Terrorbekämpfung - sonst noch was? Wenn Bomben fallen
und alle Welt auf den Gegenschlag bin Ladens wartet, wenn einem Milzbrand allmählich
so vertraut wird wie BSE und man jetzt obendrein hinlänglich weiß,
dass eine Attacke nach dem New Yorker Modell auf ein Atomkraftwerk unweigerlich
eine nukleare Katastrophe bewirken würde, ist da noch Zeit für anderes?
Für Nachdenken über
Reformpolitik, Zivilgesellschaft, Ungleichheit, soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz
und globale "dauerhafte Entwicklung", die so intensiv von der EU-Kommission
gefordert wird?
Eigentlich nicht. Oder vielleicht
doch, gerade jetzt! Wer weiß, schließlich könnten die Ereignisse
des 11. September die Einsicht befördern, dass statt schrankenlosem Liberalismus,
totaler Globalisierung und radikaler Entstaatlichung mehr Regierungshandeln
im Rahmen einer einheitlichen und legitimierten europäischen Politik vonnöten
sind.
So jedenfalls argumentierte
man Ende Oktober in Paris, wo Gerhard Schröder und Lionel Jospin auf einem
Podium im Rathaus öffentlich über langfristige Perspektiven in einer
kurzfristigen Zeit nachdachten: über Demokratie, Umwelt, new governance
und "Nachhaltigkeit".
Geplant worden war
dieses Deutsch-Französische Forum der Friedrich-Ebert- und der Jean-Jaurès-Stiftung
schon lange vorher. Aber würde es auch stattfinden? Es wäre nicht
das einzige "Event" gewesen, das unter dem Eindruck des 11. September abgesagt
wurde, wie nicht zuletzt der über viele Monate hinweg vorbereitete Gipfel
der "Modernisierer" in Stockholm. Die beiden sozialdemokratischen Chefs wollten
jetzt aber Flagge zeigen: Die Attacken von Al-Qaida seien eben "keine historische
Zäsur" (Jospin), das Projekt der Modernisierung geht weiter, "nachhaltige"
Zukunftsvorsorge bleibt auf dem Programm und ebenso die Hilfe für die armen
Länder.
Klar, den Terrorismus
könne man nicht mit Entwicklungshilfe bekämpfen, die Antwort auf die
Verbrechen von New York und Washington bestehe in erster Linie in Repression
(Schröder), man dürfe "Ursache und Nährboden" nicht verwechseln
(Jospin). Doch nur eine Politik zur Förderung von globalen Strukturen
dauerhafter Gerechtigkeit könne wirklich verhindern, dass den bin Ladens
dieser Welt die Herzen der Massen in den armen Ländern zuflögen.
In diesem Punkt waren sich Schröder und Jospin einig; bleibt für uns
alle lediglich zu hoffen, dass sie sich auch bei der Überwindung struktureller
Hindernisse dieses vernünftigen Vorhabens kräftig und gemeinsam an
einem Strang ziehen, anstatt sich weiterhin als Hüter nationaler Eigenheiten
und Eitelkeiten zu profilieren.
Trotz (oder gerade
wegen?) beunruhigender Zeiten wünscht Ihnen einen schönen Herbst und
verbleibt bis zur Weihnachtsausgabe mit den besten Grüssen
EC-Kommentar
Wo ist
sie? Die durchdachte, gemeinsame, visionäre und starke Reaktion der Europäischen
Union auf die Ereignisse vor, zum und nach dem 11. September 2001, die gleichermassen
die vom Bürger geforderte innere Sicherheit, einen entschlossenen Kampf
gegen den globalen Terrorismus und – jenseites des aktuellen Aktivismus – eine
historisch umfassende und ganzheitliche Analyse beinhaltet, aus der eine
Politik zur Förderung von globalen Strukturen dauerhafter Gerechtigkeit
erwachse kann (siehe Titel).
Was allerdings bisher
wahrzunehmen war, ist mehr ein unkoordinierter Hühnerhaufen von aufgescheuchten
ABC-Nationalstaat-Schützen, deren "uneingeschränkter Solidarität"
merkwürdige Facetten aufwies:
Da ist in vorderster
Front Tony Blair zu nennen, der dem US-Präsident in puncto Kriegsgeschrei
zeitweise geradezu den Rang abgelaufen hat, aber weiterhin auf seinen konkreten
Einsatz warten muss;
die Grande Nation
dagegen scheint nur etwas halbherziger mitspielen zu wollen, wurde bisher aber
nicht einmal dazu eingeladen;
in der deutschen
Bundesrepublik ist täglich vom Kanzler und seinem Verteidigungsminister
Widersprüchliches wahrzunehmen, was Zeit, Ort und Art eines möglichen
Kampfeinsatzes betrifft, erheblich wahrscheinlicher ist es, dass eine minderbemittelte
Bundeswehr höchstens einige Sanitäter und und der Finanzminister sein
Scheckbuch in Alarmbereitschaft versetzen muss.
Fazit: weit und breit
nichts, aber auch garnichts auszumachen von einer europäischen Strategie
im Rahmen einer gemeinsamen und souveränen Aussen- und Sicherheitspolitik.
Warum nicht ?
Eigentlich sollte
der ehemalige Nato-Generalsekretär Javier Solana zum außenpolitischen
EU-Beauftragten gemacht werden. Doch bei wichtigen Reisen erhält Solana
als Aufpasser die beiden Politiker, die den Job vorher auch gemacht haben, zur
Seite gestellt: den Außenminister des Landes, das gerade die Ratspräsidentschaft
innehat - derzeit Belgien -, und den Außenminister des Landes, das im
nächsten Halbjahr dran ist - Spanien sein wird. Zusätzlich ist der
für Außenbeziehungen zuständige EU-Kommissar Chris Patten stets
mit von der Partie. Da dem diplomatischen Gewicht dieser Viererbande aber kein
Mitgliedsland so richtig zu trauen scheint, machen sich außerdem der Ratspräsident
- derzeit der belgische Premier Guy Verhofstadt -, der Kommissionspräsident
Romano Prodi und die jeweiligen Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten
noch zusätzlich auf die Reise in die Krisenregionen, resp. zu den mächtigen
dieser Welt.
Und so dürfte
nicht nur in manchem mittelöstlichen Herrscherhaus in den vergangenen Wochen
der Eindruck entstanden sein, in der EU gebe es mehr mächtige Klanführer
als in Afghanistan.
Das nicht vorhandene
gemeinschaftliche Handeln im Rahmen einer koordinierten Aussenpolitik ist nicht
zuletzt Folge einer nicht vorhandenen politischen Legitimation seiner Organe:
Zum vorerst letzten
Mal versuchten im Dezember die fünfzehn Staatschefs auf dem Gipfeltreffen
von Nizza, sich auf den gemeinsamen Nenner zu einigen - vergeblich. Weder im
Steuerrecht noch bei der Migrationspolitik oder der Verbrechensbekämpfung
wollen die Nationalstaaten Kompetenzen an die europäische Ebene abgeben.
So stellte beispielsweise
der deutsche Innenminister in Nizza klar, dass er sich die deutsche Asylpolitik
nicht durch Humanitätsduselei verderben lasse und Gemeinschaftsrecht hier
nur einstimmig zustande kommen könne. Und auch die anderen Regierungschefs
steckten ihre Tabuzonen ab, bis nichts mehr für die Gemeinschaftspolitik
übrig blieb.
Das rächt sich
jetzt. Globalisierten Terrorstrukturen ist einzelstaatlich nicht beizukommen.
Das haben die Mitgliedsregierungen nach der ersten Schockstarre auch begriffen.
Da sie es aber jahrelang versäumt haben, die EU-Institutionen dem gemeinsamen
Markt anzupassen, gibt es keine demokratische Instanz, die hysterische Reaktionen
bremsen könnte. Insofern befindet sich diese EU, verfassungsrechtlich gesehen,
ständig im Ausnahmezustand.
So gesehen könnte
für Europa am Ende sogar etwas Positives herausspringen: die Erkenntnis,
dass EU-Politik auf Dauer nicht ohne politische Legitimation zu machen ist.
Und: Hoffnung auf Einsicht Besteht: