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Webzine n°67. Oktober 2001

Liebe EUROCIRCLE - PARTNER,

Aus gegebenem Anlaß veröffentlichen wir auszugsweise die gemeinsame Erklärung der Staats- und Regierungschefs der EU, der Präsidentin der EU-Parlaments, des Präsidents der EU-Kommission und des Vertreters für die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik vom 14. 9. 2001:

Sowohl in Europa als auch anderswo hat der abscheuliche Terroranschlag in den Vereinigten Staaten unsere Bürger tief erschüttert. ...
Die Europäische Union hat mit allem Nachdruck Urheber, Drahtzieher und Komplizen dieser Terroranschläge verurteilt. Sie kündigte an, keine Mühen zu scheuen, damit die Verantwortlichen für diese barbarischen Handlungen vor Gericht gestellt und bestraft werden. Sowohl die amerikanische Regierung als auch das amerikanische Volk können bei der Ahndung dieses Verbrechens auf unsere volle Solidarität und unsere uneingeschränkte Zusammenarbeit zählen. Keineswegs werden wir zulassen, das diese Verbrecher irgendwo Unterschlupf finden. Wer diese deckt, fördert, ihnen Unterschlupf gewährt, solche Terrorakte plant oder finanziell unterstützt, wird zur Rechenschaft gezogen werden. Eine solche gegen die Menschheit gerichtete Gewalttat hat mitten ins Herz einer befreundeten Nation getroffen, die sich wie die Europäische Union für eine bessere Welt einsetzt. Doch ist dieser schreckliche Terroranschlag auch ein Anschlag auf uns alle und damit auf unsere weltoffenen, demokratischen, multikulturellen und toleranten Gesellschaften. Wir appellieren an alle Länder, die diese Werte und universellen Ideale teilen, im Kampf gegen den Terrorismus, der auf das Konto skrupelloser Mörder geht und unschuldige Opfer fordert, alle Kräfte zu vereinen. Die Mißachtung ethischer und menschlicher Werte ist durch nichts zu rechtfertigen. Dabei ist die Solidarität zwischen uns allen von entscheidender Bedeutung. Denn wir müssen gemeinsam - und zwar ungeachtet unserer Abstammung, unserer Rasse oder unserer Religion - nach Lösungen für Konflikte suchen, die zu oft als Vorwand für Barbarei dienen....
Die Europäische Union ist dazu aufgerufen, sich vermehrt und unablässig im weltpoliti-schen Geschehen zu engagieren, um Gerechtigkeit und Demokratie sowie die Integrierung aller Länder in ein weltweites System von Sicherheit und Wohlstand zu verteidigen und zur Entstehung einer schlagkräftigen Antiterrorbewegung beizutragen. Wir werden die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik weiterhin ausbauen, damit die Union wirklich mit einer starken und geeinten Stimme spricht. Wir werden die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik so schnell wie möglich einsatzfähig machen....
Auch in unseren Gesellschaften wird weiterhin alles seinen gewohnten Gang gehen. Doch heute gelten unsere Gedanken den Opfern, ihren Familien und dem amerikanischen Volk.

Das EUROCIRCLE-Team schließt sich dieser Erklärung an und verbleibt bis zur Novemberausgab
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EUROCIRCLE-Kommentar:
Apokalypse no(w) !?

Die Idee, daß "der Islam" - prallt er mit der westlichen Zivilisation zusammen - nur mit äußerster kriegerischer Entschlossenheit zurückgedrängt werden kann, sitzt tief in der westlichen Seele und kann stringent in den diversen Befreiungen des Abendlands von Karl Matell bis Bush Senior verfolgt werden.

So war es gleichermaßen bezeichnend wie unglücklich, daß Präsident Bush Junior im Anschluß an die Attentatserie auf die USA zum "Kreuzzug" - einer traumatischen Erfahrung für die islamische Welt - gegen alle Feinde der
zivilisierten Welt und deren Unterstützer aufrief.
Es ist Ende September anno 2001 noch zu hoffen, daß nicht die Denkkategorien eines Ussama bin Ladens übernommen werden, um daran die westliche Strategie eines umfassenden Gegenschlags auszurichten. Ein Vorgehen nach Feindkategorien, das nicht präzis zwischen terroristischen Urhebern und deren Glaubensbrüdern unterscheidet, würde bin Laden bei den Völkern der Region mehr Solidarität verschaffen, als er sich durch eigene Agitation erhoffen könnte; ein gewaltiges Risiko, auch und insbesondere für die Amerikaner, deren Ziel es eigentlich sein müsste, die Zuchtbeete des Terrorismus brachzulegen statt sie zu Plantagen auszuweiten.

Die Todesflieger von New York und Washington waren - neben menschenverachtenden, fanatisierten Mördern - auch das Produkt der
- seit Jahrzehnten dominierenden Weltpolitik und einäugigen Nahostpolitik der USA,
- europäischer Passivität und Resignation,

- beispielloser Nachsicht der Weltmeinung für die dauernde Verletzung der Würde und des Lebensrechtes vieler Millionen unter einer Milliarde Moslems auf Erden, deren überwiegende Mehrzahl arm und ohne Perspektiven ist.

Die Wut der Täter richtete sich primär gegen Israel und dessen Protektor USA, genauso wie die Schadenfreude derer, die im Anschluss an das Attentat auf der Strasse tanzten. (Anmerkung: ein ernstzunehmendes deutsches Politmagazin hat nachgewiesen, daß diese Bilder vergleichbar gekauft und verfälscht dargestellt wurden, wie zu Beginn des Golfkriegs jene irakischen Schergenstiefel, die angeblich Babys aus den Brutkästen traten). In zweiter Linie, aber kaum weniger vehement, gilt der Haß jenen Regimen in der arabischen Welt, die als Erfüllungsgehilfen westlicher Hegemonie gelten. Ihnen drohen schon kurzfristig Erschütterungen, falls die Terrorbekämpfung zu auffällige Blutspuren hinterläßt, oder auch, falls dem afghanischen Volk zu viel zugemutet wird. Weil sie das wissen, sind die Staatschefs von Pakistan und Ägypten, die Herrscher Saudi-Arabiens und andere Regenten zu einem Seiltanz auf schmalem Grat und ohne doppeltem Boden gezwungen:
so muß einerseits Verbundenheit und Solidarität bewiesen und Teilnahme am weltweiten Antiterrornetz angekündigt werden; ein außenpolitischem Realismus, der das Wohlwollen internationaler Finanzinstitutionen und die Unterstützung Amerikas garantiert aber gleichzeitig verhindert, selbst zu potentiellen Opfern des drohenden Gegenschlags zu werden.
Andererseits will die Volksmeinung, der Rechnung getragen werden ums, davon nichts wissen und Empörung auf fundamentalistischen Mühlen kann das Ende der Regierenden bedeuten, es hat sich bereits schon einmal ein Ajatollah gegen einen Schah durchgesetzt.
Die Koalition gegen den Terrorismus schillert in vielen, aber nicht nur attraktiven Farben: so hat Rußlands Präsident Putin auf seine Art schon immer den Terrorismus in Tschetschenien bekämpft. Und die Herrscher der zentralasiatischen Republiken, soeben noch von Menschenrechtsorganisationen als Neo-Stalinisten qualifiziert, bügeln mit den Islamisten zugleich ihre eigene Opposition nieder, während China und Indien seilt langem als Kriegsveteranen gegen den separatistischen Terrorismus tibetanischer Mönche bzw. der Bevölkerung Kaschmirs gelten. Das genau in der Mitte dieser Krisenregion Afghanistan liegt, wird vielen professionellen Antiterroristen gelegen kommen.
Wenn das Resultat der nun drohenden Strafoperation aus terroristischen Zellen ein unkontrollierbares Krebsgeschwür mit Metastasen in so ziemlich allen Ländern dieser Erde machen würde, müßten sich nicht nur Bushs Nachfolger sondern wir alle auf Ereignisse gefaßt machen, neben denen der Turmeinsturz von Manhattan nur noch wie das grell-düstere Fanal zum Beginn einer Apokalypse aussehen könnte. Und wer wenn nicht die Europäische Union
kann und ums - neben den derzeit gebotenen Solidarität - auch auf diese Tatsachen hinweisen und alles dazu beitragen, das die Apokalypse nicht eintritt.