Webzine n°76/77. Juli/August 2002
Liebe EUROCIRCLE - PARTNER,
Am
21. und 22. Juni trafen sich die Staats- und Regierungschefs
der Europäischen Union in Sevilla zu einem Gipfel,
der mal wieder nicht als Meilenstein in die Geschichte
der EU eingehen wird. Trotzdem stellen wir Ihnen hier
die wichtigsten Ergebnisse vor :
Künftig sollen "Gemeinsame Aktionen" zur Bekämpfung
der illegalen Zuwanderung unternommen werden , wie
zum Beispiel die Einrichtung eines Systems für
Visa-Identifizierung oder die Einführung eines
koordinierten und integrierten Schutzes der Außengrenzen.
Festgehalten werden soll am Erweiterungsfahrplan,
der einen Abschluss der Beitrittsverhandlungen mit
Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Ungarn,
Tschechien, Slowenien, Slowakei und Zypern noch
in diesem Jahr vorsieht. Auch ansonsten ist nichts
weltbewegend Neues zu vermelden:
Man ist sich einig über eine Unterstützung
der baldigen Einberufung einer internationalen Konferenz
über Nahen Osten und: Der Kampf gegen den Terrorismus
bleibt Hauptziel der Aussen- und Sicherheitspolitik.
Na ja.
Nichtsdestotrotz hat das Allensbacher Institut für
Demoskopie hat im Auftrag der deutschen Bundesregierung
ermittelt, dass sich Einstellung der Deutschen gegenüber
der Europäischen Union spürbar gewandelt
hat: nur noch 20 % der Bundesbürger halten
die EU-Mitgliedschaft für eher negativ und
haben Vorbehalte beim Tempo des europäischen
Einigungsprozesses. Die überwiegende Mehrheit
sieht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen
Vor- und Nachteilen, bzw. ein eindeutiges Überwiegen
der Vorteile. Ob das so bleibt, wenn zum 1. Juli
die Dänen die EU-Präsidentschaft übernehmen,
wird sich zeigen. Diese mussten nämlich verblüfft
feststellen, dass die hässlichen Töne
ihrer Ausländerdebatte im Ausland nicht mit
augenzwinkerndem Einverständnis, sondern mit
Stirnrunzeln registriert wurden.
So befürchtet man in Kopenhagen nun, dass das
dänische Glanzbild während der EU-Präsidentschaft
bleibende Schäden erleidet, obwohl doch die
Regierung höchst persönlich versichert,
dass mit den dänischen Ausländergesetzen
- Europas schärfsten - alles bestens sei. EUROCIRCLE
schlägt der Dänischen Rechtsregierung
präventiv ein Patentrezept vor, das sicherlich
die ausländischen Kritiker zufriedenstellen
würde: mit einer humanen Gesetzgebung, einem
anständigen Ton in der Debatte und etwas mehr
Toleranz - so wie es in Dänemark halt früher
einmal üblich war und es europaweit wünschenswert
wäre – würde Dänemark ruckzuck alle
Kritiker verstummen lassen !
Bleibt uns zum Abschied allen unsern Lesern, Mitgliedern,
Partnern und Freunden einen schönen und erholsamen
Sommer zu wünschen; wir melden uns mit Ausgabe
78 Ihrer EC-News zum 1. September zurück !
Herzlichst Ihr
EUROCIRCLE-Kommentar
Rechtsruck
und Populisten (Teil 2)
In der Europäischen
Union findet ein politischer Klimawechsel statt. Der Wind
weht stark von rechts. Ende der 90er Jahre war die europäische
Politik sozialdemokratisch geprägt: In 13 von 15 Mitgliedsstaaten
der EU war eine linke Regierung an der Macht oder daran
beteiligt. Mitte 2002 sind nur noch Griechenland, Schweden,
Finnland, Deutschland und Großbritannien unter linker
Führung. Die Krise der Linken nutzt nicht nur den Bürgerlich-Konservativen
sondern verschafft vor allem den Populisten und Rechtsextremisten
von Lissabon bis Kopenhagen ungeahnten Zulauf. Antieuropäische
Parolen sind im Kommen und werden salonfähig. In vier
EU Mitgliedsstaaten hat die extreme Rechte bereits am Kabinettstisch
Platz genommen; die Franzosen sind noch einmal mit einem
blauen Auge davon gekommen., denn die Front National des
französischen Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen,
der am 21. April bei der Präsidentenwahl im ersten
Durchgang noch triumphieren konnte, hat wieder nicht den
Sprung in die Nationalversammlung geschafft.
Der
Boden für diesen Themenwechsel ist lange vorbereitet
worden. Zusammengewirkt haben die soziale Wirklichkeit,
die Vernachlässigung der Probleme seitens der Regierenden,
aber auch die fortwährende Kampagne der neuen Kleinparteien
rechts von der Mitte. Haider und seine FPÖ-Garden gehörten
unter ihnen zu den Ersten , Rabiatesten und Effektivsten,
er hat vorgemacht, wie man ein Land und dessen öffentliche
Stimmung verändert. Mit seinem rabiaten Aufstand gegen
den Konsens, gegen die Gewohnheiten und die Tabus der Wiener
Republik. Mit seinen Kreuzzügen gegen die Etablierten.
Mit seinen juristischen Einschüchterungsoffensiven
gegen kritische Journalisten. Und mit seinen berüchtigten
Verstößen gegen die verbalen Codes der demokratischen,
antinazistischen Mehrheitskultur, mal verhüllt, mal
unverhohlen.
Die
Erfolgreichsten unter den Neuen am rechten Rand in Europa
liegen heute alle um die 20 Prozent. Die Partei des Norwegers
Carl I. Hagen ist in aktuellen Umfragen zurzeit stärkste
Partei des Landes. Die Liste des ermordeten Niederländers
Pim Fortuyn wurde in der Wahl Mitte Mai mit 17 Prozent auf
Anhieb zweitstärkste Partei. Der flotte Rechtsradikale
Filip Dewinter holte in seiner flämischen Hochburg
Antwerpen über 30 Prozent, der Hamburger Lokalpopulist
Ronald Schill beim ersten Anlauf immerhin 19,4 Prozent.
Jürgen
Möllemann, der sich mit seinen antisemitischen Signalen
weit auf Haiders schlüpfriges Terrain der codierten
Provokation vorwagte, dann aber doch Reißaus nahm
und sich dafür Haiders Spott einhandelte, strebt 18
% der Wählerstimmen an. Der Flame Dewinter wirkt auf
manche wie ein Klon des Kärntners; er hat mit dessen
Neigung zur Revision der Geschichte des Zweiten Weltkriegs
auch weniger Probleme. Der bis vor kurzem in Ungarn als
Ministerpräsident amtierende Viktor Orbán hatte
beim Erlernen des populistischen Verführungshandwerks
als Nachwuchspolitiker seinerzeit auch in Haiders Werkstatt
vorbeigeschaut: Die Verhaiderung Europas findet statt. Da
fragt man sich nun zu recht und allen ernstes: wird es zur
Europawahl 2004 tatsächlich eine vereinigte Liste der
Rechtspopulisten geben? Haider selbst hält sich die
Option offen. Seine Gegner richten sich darauf ein. Schon
immer war die Europawahl ein idealer Laufsteg für Protestparteien
und Extremisten, auch für jene, die in nationalen Wahlen
keine Chance hätten. Le Pen und die westdeutschen Republikaner
sind die besten Beispiele.
Eine
europäische Liste gegen Fremde und Kriminelle, gegen
Eurokraten und den Euro, gegen Sozialstaatsreform und Arbeitslosigkeit,
für starken Staat und freien Markt, gegen das, was
ist, und erst recht gegen das, was anders wird - diese Mischung,
in der nahezu alles zusammenkommt, was nicht zusammengehört,
ist die Spezialität der Populisten. Scharfe Kanten
und völlige Beliebigkeit, präsentiert von den
Showstars des Widerspruchs und der Antipolitik, so etwas
kann gar nicht scheitern. Die Rechtspopulisten nutzen europaweit
die Visionslosigkeit der etablierten Parteien. Rechte und
Linke hätten es versäumt, eine Antwort auf anstehende
Fragen zu geben und das Potential der Verunsicherung unterschätzt.
Die Wähler haben das Gefühl, mit ihren Problemen
und Ängsten alleine gelassen zu werden, wie
-
Zuwanderung und Fremdenangst
-
Innere Sicherheit und Ausländerkriminalität
-
Europa und "die da in Brüssel"
-
Osterweiterung und die Angst vor billigen Arbeitskräften.
Eine
derartige europaweite gemeinsame Kampagne der Populisten
ist nicht nur der Alptraum Ihrer EC-Redaktion sondern auch
derjenige der EU-Regierenden.