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Webzine n°73. April 2002

Liebe EUROCIRCLE - PARTNER,

Der Konvent tanzt und wird im Verlauf des nächsten Jahres versuchen, die Vorlage für eine europäische Verfassung auszuarbeiten, die die Funktionsfähigkeit einer Union von bis zu 28 Staaten garantieren soll.

Als politischer Wegweiser für die kommenden Jahrzehnte - so Michel Barnier, Vertreter der EU-Kommission im Konventspräsidium - soll ein Verfassungstext erarbeitet werden, den die Bürger verstehen, der die Werte, Kompetenzen und Institutionen der Union sowie die Grundrechte der Bürger erläutert.
Das bedeutet im Sinne des Gipfels von Laeken, nicht nur ein funktionierendes Mehrheitssystem im Rat, die Arbeitsfähigkeit der Kommission und klare Kompetenzen auf allen politischen Ebenen herzustellen, sondern insgesamt: die Legitimität der EU neu zu begründen. Dieses Vorhaben, bereits x-mal gescheitert aus Angst vor nationalen Macht- und Prestigeverlusten, soll diesmal durch Einbindung der sogenannten Zivilgesellschaft in den Diskussionsprozess gelingen. Hört man als Otto Normal EU-Bürger von solch hehren Anliegen, steigt einem aus Erfahrung ein gewisses Misstrauen auf und man fragt sich nach den Konzepten, die garantieren, dass - statt des lauthalsen Proklamierens eines Feigenblättchens - tatsächlich die öffentliche Beteiligung der Bürger sichergestellt und transparent gemacht wird.

Und es tanzten gipfelmässig Europas Stammesfürsten in Barcelona
wobei die französisch-deutsche Zusammenarbeit - in den vergangenen Monaten immer wieder auf die Probe gestellt - hervorragend als unheilige Allianz der Reformverhinderer funktionierte: Während Präsident Chirac und Premierminister Jospin unbedingt dem Stromkonzern Electricité de France (EdF) seinen Sonderstatus sichern wollten, ging es Bundeskanzler Gerhard Schröder um den Schutz der deutschen Steinkohle. Da nämlich Mitte 2002 der Vertrag über die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl ausläuft, droht Ungemach im Wahljahr und zwar gewerkschaftlicherseits, wo man Milliardensubventionen gesichert wissen möchte für eine Branche, die längst zum Anachronismus geworden ist.
Ansonsten erging sich kurz vor Gipfelende das Gerücht, dass sich - in präventiver Anpassung an das offensichtlich Unvermeidliche - die Alte Welt geeinigt habe, einen "begrenzten und gezielten" Militärschlag Washingtons gegen den Irak zu billigen – Dementis folgten sofort, die jedoch von Amerikas Waffenbruder N° 1, Tony Blair, am Ende des EU-Treffens ihrerseits relativiert wurden. Der Irak sei "natürlich am Rande ein Thema gewesen". Da jedoch Europa "zu diesem Zeitpunkt" keine Entscheidung treffe, habe es ergo auch "keine Diskussion" gegeben. Schröder grummelte noch seinen Lieblingskommentar, dass auf Gipfeltreffen "zu lange über Details wie Alpentunnels geredet" werde, während Grundsätzliches hingegen zu kurz komme. Womit er bei einer Frage von Krieg und Frieden zweifelsohne recht hat ! Und somit verbleibt bis zur Maiausgabe mit den besten Grüssen, Ihr




EUROCIRCLE-Kommentare

Trau keinem unter 35

Um »Bürgernähe« »Reform« und »Effizienz« zu realisieren, hat sich der Konvent erstmalig im Februar 2002 zusammengefunden.
Und es war noch nie so dringlich und notwendig: Die Ost-Erweiterung rückt bedrohlich nahe, und der EU-Apparat ist keineswegs darauf vorbereitet. Ein Jahr hat das Gremium nun Zeit, die großen Worte mit Inhalten zu füllen. Er soll leisten, was bislang bei jedem Gipfel verlangt wurde - eine effiziente Reform der europäischen Institutionen, um die Union für die Aufnahme der neuen Kandidaten fit zu machen und ihr nebenbei zu mehr Demokratie und mehr Bürgernähe zu verhelfen.
Doch schon der Auftakt dürfte selbst den größten Optimisten die Euphorie genommen haben:
An die Spitze setzten die Staats- und Regierungschefs drei alte Politiker: den ehemaligen französischen Staatspräsidenten Valérie Giscard d'Estaing sowie die ehemaligen Premierminister Jean-Luc Dehaene (Belgien) und Guiliano Amato (Italien). Dass unter den 105 Mitgliedern aus 28 Ländern nur ein gutes Dutzend Frauen zu finden ist, fiel erst auf, als die nationalen Nominierungen so gut wie abgeschlossen waren. Ebenso, dass keines der Mitglieder der Altherrenrunde unter 35 ist.
Doch die Kritik, der Konvent gehe über die alte EU nicht hinaus, will Giscard d'Estaing nicht auf sich sitzen lassen. Zum Auftakt läutete er am vergangenen Freitag vorsorglich eine »lange Zuhörphase« ein, in der vor allem die jungen europäischen Bürger und die Beitrittskandidaten zu Wort kommen sollen. Wer wie lange worüber reden darf, will der 71jährige Präsident des Konvents aber selbst entscheiden. Auch das Zuhören soll nicht überstrapaziert werden. Nach einer Präsidentenverfügung wird der Konvent nur in den elf Arbeitssprachen der EU tagen, die Neuen müssen sich anpassen.
Zu viel mitreden sollen die Vertreter der Beitrittsländer ohnehin nicht. Im Präsidium ist keiner von ihnen zugelassen, auch wenn sie im Gremium ein Drittel der Delegierten stellen. Die Message kam bei den Kandidaten an. Man werde von den wesentlichen Entscheidungen ausgeschlossen, kritisierten Vertreter aus der Tschechischen Republik, Polen, Ungarn und Rumänien. Schade eigentlich

 

Europa schläft

Es ist über ein halbes Jahr her, das Terror Attentat auf die USA; und an der Zeit, einige Fragen zur europäischen Aussenpolitik zu stellen:
kann man aus dem vorsichtigen gesamteuroppäischen Schweigen zum Palästina-Konflikt der letzten Jahre entnehmen, dass wir uns die israelische Lesart zu Eigen gemacht und so zum abendländischen Ansehensverlust, zu Radikalisierung und Hass beigetragen haben ?
- haben wir einen Gegenentwurf erarbeitet zu der politisch perspektivlosen US-Politik der langjährigen Sanktionen gegenüber dem Irak, die bekanntlich weder Saddam Hussein und seine Clique, sondern ausschliesslich das Volk getroffen haben? Und so eine Stimmung mit zugelassen, die die Terroropfer am World Trade Center gegenüber 10.000 toten irakische Kindern seit Beginn der Sanktionen relativieren lässt ?
welche konkreten Taten sind den (europäischen) Beschwörungen nach dem 11. September, neben dem Kampf gegen den Terror auch Massnahmen auf politischer, sozialer, ökonomischer und kultureller Ebene zu ergreifen, gefolgt ?
- hat der Anti-Terror-Kampf nicht immer mehr Trittbrettfahrer hervorgebracht, die den Feldzug ausnutzen, um gegen politische, ethnische, religiöse Opposition im eigenen Land vorzugehen und ist so zu einem Kampf für totalitäre und gegen demokratische Strukturen geworden ???
Und kann man das beispielsweise in Israel beobachten, wo Scharon Arafat mit Bin Laden gleichgesetzt hat ? Oder in Russland, wo Putin schnell klar gemacht hat, dass Tschetschenien ein Terrorfall sei ? Oder in China, wo man über die Annäherung zu den Amerikaner hochbeglückt ist, weil man nun ganz legitim neben den tibetanischen als Mönche verkleideten Terroristen auch die Uiguren in der Provinz Xinjiang bekämpfen darf ? Oder in der Türkei, wo schon immer der Terror in Form von Kurden bekämpft wurde ?
Der deutsche Bundespräsident Rau hat jüngst als einer der wenigen offiziellen europäischen Repräsentanten (nicht zu verwechseln mit: Repräsentanten Europas !) eingefordert, mehr für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie in der Welt zu tun. Doch der Dialog zwischen den Kulturen war noch nie so tot wie nach dem 11. September. In einer Situation, in der dies ein wesentliches Element einer Strategie der Terrorbekämpfung sein sollte, herrscht leider auch in Brüssel Totenstille.