Webzine n°75 . Juni 2002
Liebe EUROCIRCLE - PARTNER,
Romano Prodi
kommentierte am 22. 5. 2002 den ersten Beitrag der Kommission
für den Konvent zur Zukunft Europas , indem er
für die EU effizientere und bürgergerechtere
Strukturen fordert:
"Wir
schlagen nicht einen Staat mit einer europäischen
Regierung vor, wir schlagen eine Union der Völker
und Staaten vor, die in der Lage ist, ihre Bürger
besser zu schützen und deren Interessen in
denjenigen Bereichen zu vertreten, in denen der
einzelne Staat sich alleine nicht genügend
durchsetzen kann. So stellen wir uns demokratisches
Regieren in einer globalisierten Welt vor". Konkret
fordert die Kommission folgendes:
- Nachdem die Euro-Scheine
und -Münzen erfolgreich eingeführt wurden,
muss die EU nunmehr die Haushalts- und Wirtschaftspolitik
der Mitgliedstaaten stärker koordinieren. Eine
wirksame Koordinierung setzt den Einsatz der Gemeinschaftsmethode
voraus. Die Kommission muss das Recht erhalten,
dem Rat Vorschläge zu den Grundzügen der
Wirtschaftspolitik oder zu Maßnahmen gegen
einzelstaatliche, die makroökonomische Stabilität
gefährdende Entscheidungen zu unterbreiten.
Zurzeit kann die Kommission nur Empfehlungen abgeben.
Der Rat sollte von den Vorschlägen der Kommission
nur durch einstimmiges Votum abweichen können.
- Es muss eine europäische Instanz geben, die
die Freiheit und Sicherheit der Bürger schützt.
- Die EU muss sich eine überzeugende Außen-
und Sicherheitspolitik geben, um international an
Einfluss zu gewinnen. Wenn die Kommission ein glaubwürdiger
und effizienter globaler Akteur werden soll, muss
sie ihre Strukturen ändern. Derzeit spielt
die EU nur in der Handels- und Entwicklungspolitik
eine ihrer wirtschaftlichen Bedeutung angemessene
Rolle. Die Aktionsmöglichkeiten sollten stärker
integriert werden, um die Glaubwürdigkeit und
Autorität der Außen- und Sicherheitspolitik
zu erhöhen.
EUROCIRCLE
unterstützt diese Forderungen und fragt sich,
ob die Kommissionsvertreter eifrige Leser unserer
Kommentare und Anmerkungen der letzten 74 Ausgaben
sind, Sie halten nämlich gerade eben die 75.
Ausgabe ihrer EC-News in den Händen! Das könnte
ein Grund zum Feiern sein, wären die derzeitigen
politischen Entwicklungen etwas hoffnungsvoller,
als sie sich derzeit darstellen. Trotzdem wollen
wir uns nicht entmutigen lassen, sondern weiterhin
unverdriesslich an einem vereinten, solidarischen,
toleranten und demokratischen Europa arbeiten. In
diesem Sinn verbleiben ich bis zur Sommerurlaubs-Doppelnummer
mit den besten Wünschen für Sie, Ihr
EUROCIRCLE-Kommentar
Rechtsruck und Populisten
Ein kalter
Wind bläst durch das politische Establishment Europas
und lässt die bürgerlichen Parteien schockgefrieren;
mehr oder weniger rechtsextreme Populisten sind allerorten
auf dem Vormarsch. Ein Grund für deren Aufschwung liegt
zweifelsohne in der Orientierungslosigkeit vieler Bürger
als Folge der weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen
der vergangenen Jahre; insbesondere die Folgen der Globalisierung
empfinden viele Menschen als Amerikanisierung: man fürchtet
um Sozialsysteme und innere Sicherheit, nationale Heimat
und Traditionen; die Anschläge vom 11. September verstärkten
dieses Gefühl der Unsicherheit.
Grossmündige Populisten wie Fortuyn, Haider und Le
Pen nutzten das aus, machten vor allem Einwanderer zum Sündenbock
komplexer sozialer Probleme und das Thema Sicherheit hatte
Hochkonjunktur insbesondere in dem ansonsten eher langweiligen
französischen Wahlkampf. Der Amoklauf eines Obdachlosen,
der in Nanterre acht Kommunalpolitiker erschoss, und eine
Welle von antisemitischen Übergriffen im Zusammenhang
mit der Nahost-Krise haben hier offenbar den Zulauf zur
äussersten Rechten verstärkt. In Umfragen wurde
die Stärke der rechtsradikalen Parteien ganz offenbar
unterschätzt, da ihre Wähler sich oft nicht offen
zu ihrer Partei bekennen. Ausserdem muss diesbezüglich
leider auch angemerkt werden, dass sich zu diesen Themen
insbesondere die Linksparteien auffällig unauffällig
verhalten haben, um ja nicht in den Geruch einer political
incorrectness zu geraten.
Der Wahlausgang in Frankreich zeigt gemeinsame Merkmale
der Wahlen in Westeuropa auf: Geringe Wahlbeteiligung, Stimmenzuwachs
bei rechtsradikalen oder ausländerfeindlichen Gruppen
durch Protestwähler und anscheinend eine neue Bewegung
vor allem der unteren Schichten gegen Globalisierung und
Europäische Integration. Oder anders ausgedrückt:
die moderate Rechte versteht es derzeit nicht, alte und
neue Unterschichten an sich zu binden, die Kommunisten stürzen
auf historische Tiefstwerte und die moderate Linke verlor
ihr Stammklientel: die kleinen Leute, die Modernisierungsverlierer
sind zu den Trotzkisten und zu Le Pen abgewandert.
Das Gespenst des aufziehenden Rechtsextremismus – auch wenn
es von Frankreichs Bürgern im 2. Wahlgang relativiert
werden konnte – manifestierte sich in den Ereignissen um
die Präsidentschaftswahl und war für Frankreich,
symbolisch gesehen, eine nationale Katastrophe:
obwohl es der französischen Wirtschaft unter Jospin
überraschend gut ging, (hätte Schröder in
Deutschland eine Bilanz von zwei Millionen neuen Jobs und
900 000 Arbeitslosen weniger aufzuweisen, könnte er
seine Wiederwahl schon heute feiern) votierten am 21. April
4,8 Millionen Franzosen für den rhetorisch begabten
Schreihals Jean-Marie Le Pen und nochmal 667 000 für
seinen abtrünnigen Lehrling Bruno Mégret; im
zweiten Wahlgang kam aufgrund der hohen Wahlbeteiligung
eine knappe weitere Million Rechtsaussenwähler hinzu,
die Regierungswahl in den nächsten Tagen wird zeigen,
um welchen Preis Frankreich regierungsfähig bleibt.
Und dann? Bleibt nur zu hoffen, dass NICHT zur Tagesordnung
übergegangen wird, sondern dass sich Präsident
Chirac und seine wiedererstarkte Rechte mit dem zurechtgestutzten
Häuflein der Sozialisten zusammensetzen, um Misstände
zu beseitigen und drängende Fragen zu beantworten,
wie beispielsweise:
- ist die in Nachkriegszeiten, noch im Angesicht der Nazibedrohung
aus Armeekreisen entwickelte, im höchsten Masse autoritär
und zentralistisch ausgerichtete Verfassung der 5. Republik
noch zeitgemäss und funktional ?
- sollte nicht ein Wahlsystem, das mit der Kohabitation
eine Zwangsehe an der Staatspitze zulässt, die zu einem
erschreckenden Ausmaß an Politikverdruss und Orientierungslosigkeit
führte, neu überdacht werden ?
- (ganz zu schweigen von der gleichermassen sinnlosen wie
mit-Demokratie-nichts-zu-tun habenden-16- Kandidaten-Tour
des 1. Wahlgangs)
- Ist es den gewählten Volksvertretern völlig
egal, dass drei Viertel der Franzosen das Gefühl haben,
sie seien ihren gewählten Volksvertretern völlig
egal ?
- Scheint es nur so oder ist es so, dass die etablierten,
gemässigten Parteien unfähig sind, ihr Führungspersonal
zu erneuern, attraktive Figuren für sich zu gewinnen
und die Programme glaubwürdig auf ihre Wähler
zuzuschneiden ? Und wenn ja, wieso ?
Vielleicht, weil in den Parteiapparaten ENA-Elite-Zöglinge
den Ton angeben, die gelernt haben, wie man sich unter seinesgleichen
durchsetzt, nicht, wie man andere überzeugt.