Webzine n°74. Mai 2002
Liebe EUROCIRCLE - PARTNER,
Wieder
einmal können wir ihm bestätigen, dass er
hochkomplexe Themenbereiche auf den Punkt zu bringen
in der Lage ist: Kommissionspräsident Romano
Prodi erwartet vom Konvent, dass er "vier Herausforderungen
begegnen" muss:
"1.
Vor allem müssen wir unsere Verantwortung für
Frieden und Entwicklung in der Welt wahrnehmen.
Es geht um die Zukunft unseres Planeten, um das
Leben von Millionen von Menschen, die in unsagbarer
Armut leben, um das Schicksal Unschuldiger, die
für unsinnige Kriege einen hohen Preis bezahlen.
Keiner unserer Staaten kann im Alleingang etwas
erreichen.
2.
Wir müssen ein ausgewogenes Gesellschaftsmodell
verteidigen, das wirtschaftlichen Wohlstand und
Solidarität miteinander zu vereinen vermag.
Unser Wohlstand steht in enger Beziehung zum Gleichgewicht
zwischen Wachstum, sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz…
3.
Wir müssen Freiheit garantieren und gleichzeitig
die Gebote der Sicherheit achten. Unsere Geschichte
und unsere Kultur lehren uns, Sicherheit, Gerechtigkeit
und Freiheit nicht voneinander zu trennen. Angesichts
von Terrorismus und internationaler Kriminalität
sowie großen Wanderungsbewegungen können
wir nur auf europäischer Ebene handeln.
4.
Schließlich müssen wir auf die Zukunft
setzen, um Europa zu einem Pol mit intellektuellem,
wissenschaftlichem und innovativem Einfluss zu machen.
Weil es sich Europa nicht leisten kann, hier hinterherzuhinken.
Weil auch hier nur eine europäische Alternative
den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit sichert.
Wenn das Projekt für die Zukunft Europas steht,
ist es Zeit, sich den institutionellen Problemen
im Einzelnen zuzuwenden."
Im Klimaschutz
geht die Europäische Union weltweit voran.
Der Ratifizierung des Kyoto-Protokolls steht nach
dem Beschluss der EU-Umweltminister nichts mehr
im Wege. Somit ist die EU verpflichtet, ihre Emissionswerte
bis 2012 um wenigstens 8 Prozent gegenüber
1990 zu verringern. Mit der Ratifizierung werden
Deutschland und Dänemark etwa die Treibhausgase
um 21 Prozent abbauen müssen. Bedingt durch
den Niedergang der DDR-Wirtschaft hat Deutschand
mit knapp 19 Prozent sein Soll fast erfüllt,
doch erhöhte Dänemark seinen Ausstoß
seit 1990 um über 8 Prozent. Auch wenn der
Umweltrat für Dänemark beondere Umstände
anerkannte, bleibt er Zielen und Zeitplan treu.
Romano Prodi, nannte die Entscheidung "historisch"
und vertraut darauf, "dass die Mitgliedstaaten
die erforderlichen Schritte unternehmen werden,
damit sie das Protokoll zusammen mit der EU vor
dem 1. Juni 2002 ratifizieren können. Wie schon
in Bonn und Marrakesch im letzten Jahr, nimmt die
EU beim globalen Klimaschutz eine Führungsrolle
ein." Bis zum Weltklimagipfel im September
in Johannesburg könnte das Kyoto-Protokoll
in Kraft treten, hofft auch die EUROCIRCLE-Redaktion
und es verbleibt mit besten Wünschen bis zur
Juni-Ausgabe, Ihr
EUROCIRCLE-Kommentar
Palästina
Der Kampf
Israels gegen den Terrorismus, der auf israelischer Seite
seit Beginn der 2. Intifada über 450 Zivilisten und
Soldaten das Leben kostete, sollte zum Ziel haben, Logistik
und Infrastruktur von Terrororganisationen nachhaltig zu
zerstören und so viele Terroristen wie möglich
auszuschalten. Ein zweites, allerdings nicht öffentlich
erklärtes Ziel hat Sharon offensichtlich ebenfalls
zu erreichen versucht, nämlich das "Palästinenserproblem"
insgesamt lösen: durch die nachhaltige Zerstörung
palästinensischer Infrastruktur - und damit deren Existenzgrundlage.
Die israelischen Angriffe haben nach Angaben von EU-Kommissar
Nielson an Projekten der Europäischen Union in Palästina
Schäden von knapp 20 Millionen Dollar angerichtet.
Die Gesamtkosten der Zerstörung kalkuliert die Weltbank
auf 305 Millionen Dollar. "Das ist sehr schockierend", kommentierte
Poul Nielson, EU-Kommissar für Entwicklung und humanitäre
Hilfe, Ende April in Brüssel.
Auch
wir finden die Vorgänge in Palästina schockierend,
allerdings eher aus anderen Gründen:
- die
Israelische Administration hat unter Ausschluss sämtlicher
ausländischer Beobachter, Journalisten und politischer
Delegationen und unter unter Missachtung einstimmiger UNO-Resolutionen
grosse Teile des palästinensischen Volkes entweder
über Wochen als Geisel unter Hausarrest oder gleich
direkt ins Visier seiner - unter anderem von Europa gelieferten
- schweren Waffen genommen.
- die Behandlung der
Zivilbevölkerung entlockte politisch eher unverdächtigen
Funktionären, wie dem Chef der Uno-Hilfsorganisation
für palästinensische Flüchtlinge UNRWA, Peter
Hansen, heftige Kritik gegenüber der israelischen Regierung.
Wie EU-Kommissar Nielson warf er Israel vor, Mitarbeitern
von Hilfsorganisationen den Zutritt zu Gebieten im Westjordanland
zu verweigern. Niemand könne sich an eine solche Ignoranz
bei einer Regierung erinnern, wie sie Israel an den Tag
lege, um eine Zusammenarbeit zu verhindern. Im Bemühen,
den Opfern Hilfe zukommen zu lassen, träfen die Organisationen
bei den Regierungsverantwortlichen Israels auf weniger Entgegenkommen,
als sie es andernorts etwa während der Kriege in Bosnien,
Tschetschenien, Angola oder dem Sudan erlebt hätten.
- seit Beginn der zweiten
Intifada sind in den von Israel besetzten Gebieten nach
offiziellen Angaben mindestens 1274 Palästinenser getötet
worden.
- die Vereinten Nationen
und mehrere Menschenrechts-Organisationen haben der israelischen
Armee vorgeworfen, im palästinensischen Flüchtlingslager
Dschenin ein Massaker verübt zu haben. Vertreter von
Amnesty International, LAW (Recht) und Adala (Gerechtigkeit)
erklärten in Jerusalem, viele voneinander unabhängige
Zeugen hätten von willkürlichen Erschießungen
und der Zerstörung zahlreicher Häuser berichtet.
Aus den Aussagen der Lagerbewohner könne man schließen,
dass mindestens 300 Menschen, zumeist Zivilisten, willkürlich
erschossen worden seien und dass mindestens 8000 Menschen
aus dem Lager und aus der Stadt als vermisst gelten.
- hilflos, machtlos,
peinlich: so in etwa könnte man das, was die Europäischen
Union zur Konfliktlösung beitrug, bezeichnen: Man gab
sich abwechselnd mit gekonntem Schweigen, uneinigem Palaver
und gemeinsamen Lavieren der Lächerlichkeit preis,
während Ariel Scharon die Gelegenheit beim Schopf packte,
um den Europäern erneut ihre Ohnmacht zu zeigen, indem
er hochrangigen EU-Gesandten das gewünschte Treffen
mit Palästinenser-Chef Arafat verwehrte. Das wiederum
verstand Belgiens Außenminister Michel als "Beleidigung,
über die nicht hinwegzusehen" sei und forderte ein
Überdenken der Handelsverträge. Ein Vorschlag,
der vom Europäischen Parlament, Frankreich und Skandinavien
unterstützt, wurde, während Deutschland mit Hinweis
auf seine unselige jüngere Geschichte, und Großbritannien
als getreuer US-Kriegsvasall dagegen stimmten. Fazit: Einzelstaatliche
Suppenküchenchefs verhindern nachhaltig und erfolgreich
die Existenz eines aussenpolitischen Akteurs namens Europäische
Union und bereiten stattdessen ihre Paraderolle als Finanzier
des Wiederaufbaus Palästinas vor.
- perfekt in seiner
Regieführung agierte Weltpolizist USA, der - auf Zeit
spielend - Sharons Generälen den Rücken freihielt.
Mit der gestaffelten Versendung politischer Mittel-(Zinni)
bis Schwergewichte (Powell) wurde so lange für ein
bisschen Frieden appelierte, bis "die Arbeit, die wir zu
erledigen haben - so ein hoher israelischer Militär
- beendet ist". Was nun, da kein Stein mehr auf dem anderen
liegt, offensichtlich der Fall ist.