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Webzine n°80. November  2002

Liebe EUROCIRCLE - PARTNER,

"Die Erweiterung der Union wird die Geschichte Europas mit der Geographie des Kontinents versöhnen." Bronislaw Geremek, ehemaliger polnischer Außenminister

Die Erweiterung der EU ist zweifelsohne eine gewaltige Herausforderungen am Beginn dieses 21. Jahrhunderts; und eine unbedingt notwendig zu bestehende, um den noch grösseren Herausforderungen begegnen zu können.

Nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 steht Europa noch immer vor der Aufgabe, die Teilung des Kontinents zu überwinden, weswegen unter anderem die EU den neuen Demokratien in Mittel- und Osteuropa die Mitgliedschaft angeboten hat. Heute umfasst die EU 375 Millionen Menschen in 15 Mitgliedstaaten, einen großer Binnenmarkt mitsamt einer gemeinsame Währungspolitik und einheitlicher Währung in 12 Mitgliedstaaten, und hat ein gemeinsames Fundament aus Grundrechten, gemeinsamen sozialpolitischen Zielen, Hilfe für benachteiligte Regionen. Ausserdem ist man dabei, die Entwicklung eines gemeinsamen Rechtsraums und einer gemeinsamen Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik voranzutreiben.
13 Staaten klopfen inzwischen an die Tür der Europäischen Union: Zehn mittel- und osteuropäische Länder (Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, die Slowakei, Slowenien, die Tschechische Republik und Ungarn), außerdem drei Mittelmeerstaaten (Zypern, Malta und die Türkei). Mit den ersten zehn stehen die Verhandlungen kurz vor dem Abschluss, lesen Sie dazu den Kommentar auf Seite 2.
Um in die EU aufgenommen zu werden, müssen die Kandidaten bestimmte politische und wirtschaftliche Bedingungen erfüllen, wie eine funktionierende Demokratie, Rechtstaatlichkeit, Wirtschafts- und Sozialordnung, Minderheitenschutz und Wahrung der Menschenrechte. Wirtschaftlich geht es darum, einen europäischen Binnenmarkt mit 500 Millionen Verbrauchern zu schaffen, der auf dem Weltmarkt eine bedeutendere Rolle spielt.
Und politisch sollte es darum gehen, Europa in einem Raum der Freiheit und des Friedens politisch zu stabilisieren, damit es in der Welt präsenter ist; nicht zuletzt in Verpflichtung zur Umsetzung europäischer Leitbilder wie Toleranz und Solidarität mit Schwächeren aber auch als Gegenpol zu schrankenlosem Liberalismus, totaler Globalisierung und radikaler Entstaatlichung, findet mit den herzlichsten Grüssen bis zur Weihnachtsausgabe verbleibend, Ihr

 


EUROCIRCLE-Kommentar

Erweiterungsgipfel in Brüssel

Nachdem die Europäische Kommission am 9. 10. 2002 empfohlen hat, die Verhandlungen über den Beitritt zur Europäischen Union mit Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, der Slowakischen Republik und Slowenien, der Tschechischen Republik, Ungarn und Zypern bis Ende des Jahres abzuschliessen, zogen am 24. 10. auf dem Brüsseler Gipfel die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union nach, indem sie sich auf die Finanzierung der Erweiterung geeinigt haben.
Basis hierfür war die Beilegung des seit Jahren schwärenden deutsch-französischen Dauerstreits über die Agrarausgaben:
Die Subventionen sollen danach ab 2007 auf dem Niveau von 2006 festgeschrieben werden. Wie aus Delegationskreisen verlautete, verständigten sich die fünfzehn Mitgliedstaaten darauf, dass zusätzlich pro Jahr ein Ausgleich für Preissteigerungen von einem Prozent gezahlt werden soll. Und die Direktbeihilfen für Landwirte aus den neuen Mitgliedsländern sollen bis 2013 schrittweise auf EU-Niveau steigen. Zehn Ländern soll beim Gipfel in Kopenhagen im Dezember 2002 die Mitgliedschaft angeboten werden.
Der unvorhergenommene Beobachter war erst verblüfft, dass es den 15 Gipfelstürmern gleichermassen früh, zügig und unerwartet gelungen ist, sich ihrer Streitereien über die Osterweiterung zu entledigen, anschliessend begeistert, wie sich Schröder und Chirac als Retter der Erweiterung präsentierten; und abschliessend uneuphorisch zufrieden über ein Resultat, mit dem eher der pragmatische Ökonom als der kritische Ökologe leben kann:
EU-Nettozahler Deutschland setzte eine langfristige Obergrenze für die Gesamtkosten durch, die Agrarmacht Frankreich erreichte eine weitgehende Bestandsgarantie für ihre Bauern und die Newcomer haben unerwarteten Verhandlungsspielraum: nämlich sechs Wochen Zeit, um bis zum Erweiterungsgipfel in Kopenhagen mit Ratspräsidentschaft und Kommission einen Kompromissvorschlag auszuhandeln. Dann sollen die Verhandlungen mit den zehn Aspiranten beendet werden.
Sollte dieser historische Kompromiss zwischen deutscher Sparpolitik, französischer Agrarlogik und dem Anspruch der neuen Mitglieder auf Gleichberechtigung Realität werden, stellt sich eine ganz andere Frage: bleibt Franz Fischlers Agrarwende zur Halbzeit der Finanzperiode auf der Strecke?
Auch wenn die EU-Agrar Subventionen künftig mit einer Obergrenze versehen und an 25 statt an 15 Länder verteilt werden sollen, ist nicht nur zu befürchten, sondern so sicher wie das Amen in der Kirche, dass den vielen schönen Politikerworten in den BSE- und Schweinepestjahren nichts aber auch gar nichts folgen wird, was in Richtung einer ökologischen Agrarwende gehen könnte.
Stattdessen: umgekehrt umgelenkt - in die seiner Intention diametral entgegengesetzte Richtung. Sämtliches Geld - und in seiner Gesamtheit mehr denn je zuvor - könnte in die industrielle, menschen-, tier- und umweltquälende Massenproduktion von Lebensmitteln,
Was wird übrig bleiben für die Förderung ökologischer, Arbeit schaffender Maßnahmen auf dem Lande? Garnichts oder wahrscheinlicher: jene Peanuts, um das übliche Feigenblättchen zu finanzieren, das beim nächsten Umweltgipfel unter grösstmöglichem Selbsbeweihräucherungsgetöse als Europeans-best-öko-practise und leuchtendes Vorbild präsentiert wird. (siehe Johannesburg)
Tony Long, Leiter des EU-Büros des Worldwide Fund for Nature (WWF) bezeichnete den Kompromiss als "Hohn für jegliches Bekenntnis zu ökologischer und nachhaltiger Entwicklung im ländlichen Raum"
Bleibt nichts anderes übrig als den Bock zum Gärtner zu machen und als letzten Ökohoffnungsträger auf die Welthandelsorganisation zu setzen, die in schöner Regelmässigkeit die EU-Agrarpolitik als Ärgernis, wenn nicht als Hindernis für gleichberechtigten Marktzugang und Chancengleichheit im Wettbewerb anprangert.
Sollte es nun auch zu agrarpolitischen Konsequenzen aus der erneuerten deutsch-französischen Allianz kommen, was überaus wünschenswert wäre, bliebe Chirac nichts anderes übrig, als seinen Part des Deals mit Schröder zu erfüllen, der darauf besteht, dass diese "internationalen Verpflichtungen" Vorrang vor Geschenken an französische Bauern haben.
Und sollte das passieren, besteht weiterreichende Hoffnung, beispielsweise für positive Entwicklungen im Reformkonvent, bei Wirtschaft und Finanzen, in der Außen- und Sicherheitspolitik, insbesondere in der Irakfrage: Überall, wo Europa derzeit schläft, können Schröder und Chirac
- bei gemeinsamen Interessen - zusammen für Fortschritte sorgen.

Info-flash

 

Irlands Referendum zum Nizza-Vertrag: Ja zu Vertragsreform und Erweiterung

Die Mitglied- und Beitrittsstaaten haben das irische Votum zum Nizza-Vertrag einhellig begrüßt. Kommissionspräsident Romano Prodi sprach von "einem wesentlichen Beitrag zur historischen Aufgabe der Erweiterung". Irland hat damit den Weg freigemacht für die Entscheidung des Europäischen Rats in Kopenhagen Mitte Dezember 2002 zur EU-Erweiterung. Irland ist das einzige Land in der Europäischen Union, das die erforderliche Ratifizierung durch die Mitgliedstaaten an eine Volksabstimmung gekoppelt hat. Mit ihrem "Ja" zum Vertrag haben 62,89 Prozent der irischen Wähler ihr Votum von vor 15 Monaten deutlich revidiert. Vertragsreform beginnt beim Nizza-Vertrag
Das Ergebnis hat Erinnerungen an das zweifache dänische Volksvotum zum Maastrichter Vertrag wach werden lassen. Von einem Punkt abgesehen: Irland stimmte zu einem Zeitpunkt über den Nizza-Vertrag ab, zu dem dieser bereits in der Revision steht. Auch Vertreter des irischen Volkes beraten mit im Konvent zur Zukunft Europas über die Reform des Nizza-Vertrags. Ein "Nein" zu Nizza hätte nun den Konvent in eine schwierige Lage gebracht und möglicherweise die EU- Reform, bei der es auch um Transparenz und Bürgernähe geht, gefährdet. Hierfür hatten sich viele "kritische" Iren einsetzen wollen. Da konnte das Hauptargument der Vertragsgegner von einem drohenden "Brüsseler Zentralismus" nur schlecht verfangen. Neben der Erweiterung haben die Iren auch die demokratischen Grundsätze gestärkt. Am Grundsatz, dass Vertragsänderungen der Zustimmung aller Mitglieder bedarf, wird daher mit Blick auf das irische Votum bei der Reform des Nizza-Vertrags sicher nicht gerüttelt werden.

Informationen:
http://europa.eu.int/comm/commissioners/prodi/nice_en.htm
http://europa.eu.int/comm/enlargement/index_en.htm

Fiscalis-Programm angenommen

Das Europäische Parlament und der EU-Ministerrat haben das im Januar von der Kommission vorgeschlagene Fiscalis-Programm angenommen. Die Kommission begrüßt die Annahme. Fiscalis 2003-2007 soll die engere Zusammenarbeit der Mitgliedsstaaten bei der Betrugsbekämpfung fördern. Dazu sind verbesserte elektronische Informationsaustauschsysteme zwischen den nationalen Verwaltungen, gemeinsame Ermittlungen, Schulungen für Steuerbeamte und Experten sowie der Austausch von Beamten vorgesehen. Auch die Kandidatenländer werden an dem Programm teilnehmen. Mit Fiscalis 2003-2007 wird das derzeitige Programm, das Ende des Jahres ausläuft, fortgesetzt und ausgebaut.
Wichtig an dem neuen Programm ist die Ausdehnung auf die direkten Steuern. Die Kosten sollen durch Haushaltsmittel der Gemeinschaft und der teilnehmenden Länder gedeckt werden, wobei insgesamt 44 Mio. EUR aus dem EG-Haushalt kommen sollen. Mit der Erweiterung der Europäischen Union wird der Beitrag aus dem Haushalt aufgestockt, um auch die Bedürfnisse der neuen Mitgliedstaaten zu berücksichtigen. Das Programm läuft vom 1. Januar 2003 bis zum 31. Dezember 2007.

Mehrheit für Erweiterung

Die überwiegende Mehrzahl der Deutschen befürwortet die Erweiterung der Europäischen Union. Das ergab die erste von vier Umfragen zur aktuellen Entwicklung des Erweiterungsprozesses. Mit dem sogenannten "Enlargement Tracking Survey" wird in den Mitgliedsstaaten die Einstellung der Bevölkerung zu wichtigen Fragen der Erweiterung während der abschliessenden Verhandlungen untersucht. Für die erste Umfrage wurden zwischen dem 11. und 21. September 2002 insgesamt 15 088 EU-Bürger im Alter von mehr als 15 Jahren befragt.
Für Deutschland ergab die Umfrage, dass 18% der Deutschen die Erweiterung der Union ohne Einschränkung begrüßen, während genau die Hälfte aller Deutschen der Erweiterung "eher positiv" gegenüberstehen. 17% der Bundesbürger stehen der Erweiterung eher kritisch gegenüber, nur 6% lehnen die Erweiterung völlig ab. Damit entspricht die Haltung der Deutschen dem europäischen Meinungsbild: In der EU sind es insgesamt 68%, die die Erweiterung befürworten.