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Webzine n°117. Dezember 2005
Liebe EUROCIRCLE - PARTNER,

kaum zu glauben aber wahr: das Jahr 2005 geht massiv seinem Ende entgegen, Weihnachten und Jahreswechsel stehen vor der Tür und dann kommen schon:
- die Übernahme der Ratspräsidentschaft durch Österreich,
- die Festivitäten zum 10-jährigen Bestehen von EUROCIRCLE und
- die Fußball Welt-meisterschaft in Deutschland !!!
Für die weitere Integration der Europäischen Union war 2005 eher eine Katastrophe und das wird sich auch nicht bis zum 31. 12 ändern. Es sei nur an das unsägliche NON beim Verfassungsreferendum der Franzosen und Holländer erinnert; die 6 Monate britische Ratspräsidentschaft waren ja von vornherein als verlorene Zeit einzuschätzen, was irgendeine vernünftige und positive Entwicklung betrifft. Für uns dagegen war 2005 ein eher unspektakuläres Jahr der Konsolidierung, geprägt von Antragschreiben, Berichte verfassen, gut 50 Organisationen über EU – Programme beraten, Projekte organisieren, Austausche realisieren, Datenbanken und Websites erstellen und all monatlich - halb-wegs pünktlich - die EC-News herausgeben .
Erwähnenswert ist vielleicht die Positionierung und Valorisierung von EUROCIRCLE als der Institution, die hier in der Region Provence Alpes Cote d’Azur im Bereich „europäische Mobilität für Jugendliche“ Maßstäbe setzt und sowohl im Bereich Freiwilligendienst als auch für Jugendaustausche führend ist. So haben wir – genauer gesagt: Elsa Roussely in ihrer unermüdlichen Ehrenam-testätigkeit – ca. 60 Jugendliche empfangen, beraten und und einige von Ihnen konnten wir sogar auf ihrem Weg zum Europäischen Frei-willigen begleiten.
Wir sind deshalb sehr froh, Elsa zum Jahresende einen festen Vertrag anbieten und unsere Equipe so auf sagenhafte vier MitarbeiterInnen vergrößern zu können. Nein, eigentlich auf fünf, denn seit dem 1. Mai haben wir mit Kornélia Both selber eine europäische Freiwillige aus Budapest zu Gast bei uns, die sich um die Austauschdatenbank, aber auch um die die Koordinierung, Organisation und Be-gleitung von Austauschen kümmert. Eine weitere wichtige Aufgabe war die Vor-bereitung und Beantragung des Seminars JAMO 2, initiiert von unseren wichtigsten Partnern dem Conseil Général Bouches du Rhône und dem Jugend- und Sportministerium in Kooperation mit unseren Freunden vom Conseil Général Vars. Das ganz besondere an dieser Aktion ist die Interessensbekundung etlicher Gebietskörperschaften des Arc Latin an einer Kooperation mit uns, um die Chancen benachteiligter Jugendlicher aus ihren jeweiligen Regionen an der Teilnahme von Mobilitätsaktionen signifikant zu erhöhen.
Alles in allem blicken wir trotz gelegentlichem Gegenwind optimistisch in die Zukunft und wünschen Ihnen von Herzen ein ruhiges und friedliches Weihnachtsfest sowie ein erfreuliches und erfolgreiches Neues Jahr!




Erste blinc-Konferenz am 18. November 2005

Am 10.10.2005 wurde in Göttingen die Genossenschaft blinc, blended learning institutions’ cooperative, gegründet, die mit einem offiziellen Startschuss am 19.11.2005 in Marseille während einer transnationalen Konferenz mit TeilnehmerInnen aus 12 Europäischen Länder ihre Arbeit aufnahm.

blinc ist eine Genossenschaft von erfahrenen Akteuren und Organisationen aus:

- formaler und nicht formaler Bildung, Bildungseinrichtungen,
- Projekten an der Basis (NROs),
- Krankenhäusern, sozialer und kultureller Einrichtungen (3. Sektor),
- Universitäten und pädagogischer Forschung

Die Genossenschaft ist im Rahmen des Projekts“eL3” von 9 Partnerorganisationen aus 4 EU-Ländern (DE, FR, IT, UK) im Rahmen der eLearning Initiative der Europäischen Kommission gegründet worden.

eL3 ist das Akronym für “eLearning Project Cluster for Third System Organisations in Europe” – dahinter verbirgt sich ein Netzwerk aus verschiedenen Organisationen aus dem europäischen Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen.

Die Ergebnisse der Projektaktivitäten (Evaluation, Netzwerkarbeit und Verbreitung) leisten einen Beitrag zur Verbesserung der Qualität in der Bildung durch konkrete Unterstützung der betreffenden Akteure und fördern den Einsatz von innovativen Lern- und Lehrmethoden.

In der 2-jährigen Projektarbeit arbeiteten verschiedene Bildungsakteure aus Bildungseinrichtungen und -projekten eng mit pädagogischen
Forschungseinrichtungen bei der Entwicklung gemeinsamer Ansätze und Instrumente der didaktischen Planung und Evaluation zusammen und überwanden erfolgreich die Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis.


Ein wichtiger Bestandteil des Projekts war die Entwicklung einer Strategie zur Gründung eines europäischen Netzwerks (blinc), das Akteure der formalen, nicht formalen und informellen Bildung wie Entwickler, Experten und Nutzer von Blended Learning Produkten und Dienstleistungen zusammenbringt.

blinc ist ein Instrument zur Förderung des Austauschs zwischen Bildungspersonal, Herstellern von Bildungsprodukten sowie Nutzern und bietet eine gemeinsame Plattform, die dem Erfahrungs- und Wissensaustausch aber auch der Verbreitung und Valorisierung europäischer Bildungsprojekte, -dienstleistungen und -produkten dient.

Während der ersten blinc Konferenz in Marseille lag der Schwerpunkt in der Entwicklung einer gemeinsamen nach-haltigen Verbreitungs- und Valorisierungsstrategie für das wachsende Lernnetzwerk.

Im Folgenden möchten wir Ihnen sowohl einen Überblick über unsere Aktivitäten und Erfahrungen im Rahmen der europäischen Netzwerkarbeit als auch einen Ausblick auf blinc geben:

Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis:

Eine Arbeitsgruppe mit einem speziellen Entwicklungsauftrag hat ab 2004 Vorlagen zur Erfassung und Beschreibung von Partnerprofilen, Projekten und Produkten erarbeitet, die im Rahmen eines webgestützten Showroomkonzepts eingesetzt werden. Die Mitglieder des Netzwerks erhalten im Showroom die Möglichkeit, ihre Institution und Aktivitäten nebst ihrer Produkte multimedial und multilingual vorzustellen. Außerdem wurden Fragebögen (Inventories) für Akteure wie Lerner, Autoren und Entscheidungsträger in verschiedenen Lernumgebungen erstellt und anschließend von den Partnereinrichtungen getestet.
 

Eine so genannte Blended Learning Matrix und eine Katalog mit didaktischen Modellen für eLearning-Anwendungen sind zusammen mit Empfehlungen und Richtlinien als Hilfestellung und didaktisches Instrument für Autoren, die mit einem Blended Learning Ansatz arbeiten, entwickelt worden.
Ein Instrument zur Selbstbewertung für Autoren ist zusammen mit einem Fragebogen zur Bewertung von Lernerstilen auf der Grundlage des Lernstilmodells von KOLB online abrufbar.

Ein internes Evaluierungssystem ist online verfügbar und ist bereits auf andere Projekte übertragen und im Rahmen anderer transnationaler Projekte als positiv bewertet worden
Alle Ergebnisse sind in einem Evaluierungsbericht zusammengefasst. Digitale Materialien können unter www.blinc-eu.org heruntergeladen werden.

Netzwerkarbeit:
Die eingetragene Genossenschaft blinc
ist wohl das wichtigste Produkt dieser 2-jährigen Netzwerkarbeit. Sie wurde im November 2005 mit 40 Vertretern aus 12 Ländern in Marseille im Rahmen einer europäischen Konferenz zur Verbreitung und Valorisierung offiziell eröffnet. Die Statuten und Mitgliedsbedingungen sind auf unserer Webseite in DE und EN verfügbar.

Verbreitung:
Die blinc Webseite ist ein dynamisches mehrsprachiges Webportal, das verschiedenste Webdienste sowohl im öffentlichen Bereich als auch im Mitgliederbereich anbietet.

75 Artikel und 2 Newsletter sind im internen Nachrichtensystem gepostet und mehr als 1.500 mehrsprachige Broschüren und Faltblätter für verschiedene Zielgruppen gedruckt und auf lokalen, nationalen und transnationalen Seminaren und Konferenzen verteilt worden. Wir haben ebenfalls neue Verbreitungswege eingeschlagen, indem wir sowohl im Radio als auch im Internet (radio broadcasting und podcasting) Informationen zu eL3 und blinc verbreitet haben. Wir haben Akteure aus verschiedenen Bereichen einbezogen und haben mit dem Department für Verbreitung und Valorisierung der Europäischen Kommission Kontakt aufgenommen, um die EU-Valorisierungsstrategie in das Entwicklungskonzept von blinc zu integrieren and diese unseren Mitgliedern und assoziierten Partner vorzustellen. Bisher haben Vertreter bereits auf 6 Konferenzen in 4 Ländern blinc und eL3 vorgestellt.
 

Erfahrungen und Perspektiven:
Die Multiakteurspartnerschaft des Netzwerkprojekts el3 war gleichzeitig Quelle von Chancen und Risiken. Die unterschiedlichen Ausgangssituationen, Bedürfnisse und Ansprüche der Partner haben zu erheblich längeren Entwicklungsprozessen aber auch zu guten Ergebnissen hinsichtlich der Anpassungsfähigkeit und der Übertragbarkeit gerade auch für die Aufnahme neuer Partner und Länder geführt.
Die unterschiedlichen Erfahrungen und Lerntraditionen in den Partnerländern gaben zusätzlichen Input in das Lernnetzwerk blinc. Die Partner haben aufgrund ihrer verschiedenen Kontexte viel voneinander und miteinander gelernt und konnten gemeinsam neue Projekte und Projektanträge im Bereich der formalen und nicht formalen Bildung sowie Blended Learning auf lokaler und europäischer Ebene auf den Weg bringen.

Der Bottom-up Ansatz von blinc ermöglicht es selbst Projekten kleiner lokaler Initiativen und NROs, die mit benachteiligten Zielgruppen arbeiten, sich auf einer europäischen Bühne zu bewegen.
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Kombination von transnationalen und lokalen Projekten zu einer starken Valorisierungsstrategie wird, die sich in Workshops und Konferenzen in Marseille und Göttingen schon bewährt hat. Dank des transnationalen Publikums ist es sehr viel einfacher, die lokale Presse für diese Ereignisse zu gewinnen, die dann auf diese Weise lokale Projekte in der Region eher zu verbreiten bereit ist.
Auf der anderen Seite entsteht durch die Valorisierung lokaler Initiativen auf transnationaler Ebene ein großer Mehrwert. Als Konsequenz bezieht die blinc Community neue lokale Partner aktiv in die Ausarbeitung neuer transnationaler Projektanträge mit ein..
Über die vorhergesehen Verbreitungsaktivitäten hinaus, haben wir weitere Aktionen zur Verbreitung ausgeführt und planen auch weiterhin auszuführen:
- Kombination von lokalen und transnationalen Projekten
- Mobilitätsaktivitäten (Austausch von Personal) innerhalb des Netzwerks (z.B. eine Reisestipendium finanziert vom British Winston Churchill Memorial Trust)
- Neue Projekte, die von blinc Mitgliedern in Arbeitsgruppen mit neuen lokalen Partnern aus neuen Aktivitätsbereichen entwickelt wurden (z.B. 2 erfolgreiche Folgeprojekte sowie 7 bewilligte Voranträge unter Socrates und 2 Vorantrage unter LdV).
- Einführung neuer Medien zur Verbreitung (Radio und Podcast), um neue Zielgruppen (Jugendliche, Selbsthilfegruppen, Benachteiligte etc.) zu erreichen)
- Vergrößerung des Spektrum durch die Aufnahme des Jugendlichensektors in die Genossenschaft, um Schnittschnellen zwischen formaler, nicht formaler und informeller Bildung für verschiedene Lernergruppen zu schaffen.
- Einladung von Lernern zur aktiven Mitarbeit in blinc (z.B. Teilnehmer/innen aus einem deutschen Kurs für Content Manager und ein europäisches Projekt für eLearning-designer)

Die blinc eG ist gegründet worden mit dem Ziel ab 2007 zu einer europäischen Genossenschaft (SCE) zu werden.

Wenn Sie Interesse haben, setzen Sie sich mit uns in Verbindung (info@blinc-eu.org). Unsere Mitglieder stehen Ihnen gern zur Verfügung.

 

EUROCIRCLE-Kommentar

Randale:


In Frankreich läuft zurzeit ein Gettoaufstand von Jugendlichen, die gerne ein integrierter Teil der Gesellschaft wären. Das wird ihnen verwehrt. Diese Jugendlichen haben schlechte Bildungschancen; selbst mit Ausbildung bekommen sie keinen Job. Außerdem haben sie eine seit langem aufgestaute Wut auf das System, die sich jetzt in Gewalt entlädt.
In den Vorstädten leben hauptsächlich Einwanderer und ihre Kinder. Vor 30 Jahren wurden diese Vorstädte speziell für Einwanderfamilien gebaut: reine Wohnstätten, abgekoppelt vom Arbeitsplatz, vom kulturellen Leben, von Konsummöglichkeiten. Diese Konzentration in Trabantenstädten konzentriert auch die Folgen der sozialen Krise in Frankreich besonders stark in den Banlieues. Von dieser Krise sind alle Franzosen betroffen, Einwanderer und ihre Kinder aber in besonderem Maße. Einen Tag vor Beginn der Proteste wurde eine neue Studie über die soziale Situation in den Vorstädten veröffentlicht. Die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich liegt bei 23 Prozent – unter Migranten beträgt sie 36 Prozent. Jeder dritte Abiturient ist arbeitslos.
Bewerber aus den Vorstädten haben eine fünfmal geringere Chance zu Vorstellungsgesprächen eingeladen zu werden, als Bewerber aus den „besseren Vierteln“. Dem Gros der Vorstadtbewohner steht nur etwas mehr als die Hälfte des Durchschnittseinkommens zur Verfügung. Zu dieser sozialen Situation kommt häufig die Alltagserfahrung rassistischer Diskriminierung: so werden Jugendliche arabischer oder afrikanischer Herkunft öfter ohne Grund von der Polizei kontrolliert. Ihr Aussehen reicht für einen Verdacht.
Damit widerspricht die Alltagserfahrung der Migranten der offiziellen französischen Staatsideologie, dem Republikanismus, der die Gleichheit aller französischen Staatsbürger betont. Migrantenkinder sind fast durchweg französische Staatsbürger. Sie sprechen auch durchweg französisch, da ihre Eltern hauptsächlich aus ehemaligen französischen Kolonialgebieten kommen, wo französisch Amtssprache war. Doch gleich behandelt werden sie vom Staat nicht, eher wie der „Feind im Inneren“. Diese Spannung zwischen Versprechen und Realität entlädt sich jetzt.
Die wachsende Ungleichheit und Abkoppelung der Migranten ist Folge dessen, was wir als Globalisierung kennen. Die Integration von Migranten erfolgte zuallererst über den Arbeitsmarkt, über Jobs. Das war, in Frankreich wie in Deutschland, die Schwer- und Leichtindustrie.
Mit der fortschreitenden Deindustrialisierung sind diese klassischen Migrantenjobs weggefallen, weil Konzerne Fabriken dichtmachen oder die Produktion woanders aufbauen, weswegen die Arbeitslosigkeit unter Migranten überproportional gestiegen ist. Weil Migranten durch die schlechte Jobsituation besonders auf staatliche Hilfe angewiesen sind, treffen sie Einschnitte im Sozialstaat besonders hart.
Natürlich ist es möglich, den Aufstand durch massive staatliche Gewalt zu ersticken. Doch damit ist weder das Problem gelöst noch die Gewalt weg.
Sie wird weitergehen, in Form der Selbstzerstörung innerhalb der afrikanischen und arabischen Gemeinde, in Form von Kriminalität, Rauschgiftkonsum und Ähnlichem. Schon jetzt brennen ja hauptsächlich die Autos der Vorstadtbewohner. Ihre Schulen stehen in Flammen. Diese brennenden Autos sind ein Signal der Ausgegrenzten an die Gesellschaft. Sie sind normalerweise unsichtbar und haben das Gefühl, anders als durch Gewalt überhaupt nicht mehr wahrgenommen zu werden.
Bisher haben Politiker diese Signale ignoriert und die Situation verschlechtert, statt verbessert. Jetzt wird wieder vom „Kampf der Kulturen“ geredet, der Westen gegen die Einwanderer, der Islam gegen die Christen. Wenn die Politiker selber die Auseinandersetzung so beschreiben, müssen sie sich nicht wundern, wenn die Ausgegrenzten anfangen, diese Zuschreibung zu akzeptieren und zu sagen: „Ja, wir sind Einwanderer. Ja, wir stehen zum Islam.“ Die Ausgrenzung ist die Ursache der Abgrenzung der Migranten, die dann wieder beklagt wird.
Es wird keine Entspannung ohne eine wirkliche soziale Perspektive für die Ausgegrenzten geben, ob in Frankreich oder in Deutschland. Das ist die Lehre aus dem Aufstand in Frankreich, und nicht der Ruf nach dem starken Staat.

Globalisierung:


Vor 1990, als der Ost-West-Konflikt noch das alles bestimmende Thema war, hatte das Kapital ein massives Interesse daran zu beweisen, dass die Marktwirtschaft dem Kommunismus auf alle Fälle vorzuziehen ist, auch für die Schwachen. Diese Interessenlage hat die soziale Marktwirtschaft ermöglicht und die Demokratie stabilisiert. Seit 1990 ist dieses Kapitalinteresse weg. Plötzlich herrscht ein unnachgiebiger globaler Standortwettbewerb um die besten Bedingungen für die Maximierung der Kapitalrendite: die Investoren sind zu Hauptauftraggebern der Politik geworden. Die Wähler schauen verängstigt zu. Das ist der Kern der Demokratiekrise. Nach 1990 entdeckt man, dass die Demokratie ökonomisch "ineffizient" ist. Und die Wirtschaft singt das Lob von Singapur und China, wo es viel Markt und wenig Demokratie gibt. Die "Effizienz" ist für die Ökonomie der Schlüsselbegriff. Sie dient dem heutigen Zeitgeist der Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung als Rechtfertigung. Aber die Ökonomie hat keine guten Antennen für die langfristige Ineffizienz der Märkte, des ökologischen Raubbaus, der riesigen und wachsenden sozialen Ungleichheit. Wenn Markt und Demokratie wieder ins Lot gebracht werden sollen, muss folgendes getan werden:
Erstens muss es zum erklärten politischen Programm machen, die geografische Kohärenz zwischen Markt und Gesetz wiederherzustellen. Das gilt für Europa und weltweit. Das, was der Markt nicht von sich aus produziert, also Menschenrechte, soziale Kohärenz oder Umweltschutz, müsste in verbindliche Regeln gefasst werden. Nicht nur die Welthandelsorganisation (WTO) braucht Muskeln, sondern auch Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und der internationale Gewerkschaftszusammenschluss ILO! Das ist ein langer Weg, aber die Bevölkerungsunterstützung dafür nimmt stetig zu.
Zweitens müssen wir demokratisch gesonnene internationale Gegenkräfte entwickeln gegen die kurzfristige und in vielen Fällen brutale Logik des Wettbewerbs. Hier denke ich insbesondere an die Zivilgesellschaft. In Seattle 1999 hat sich da etwas formiert. In Porto Alegre hat es sich weiterentwickelt. Und in Mar de la Plata hat es dieser Tage einen bedeutenden politischen Erfolg gefeiert, nachdem sich südamerikanische Regierungen mit ihrem Volk endlich einmal gegen die Marktdominanz zur Wehr gesetzt haben.